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kirchenkiste

Vier Schafe für ein Vaterunser

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Eine Bildergeschichte aus der Reihe „Lena“ · Teil 4 von 5 · Beten und das Vaterunser

Autor: Thomas J. Weiss

Jahr
2022
Länge
997 Wörter, vorgelesen ca. 8 Minuten
Bilder
11
Fassung
6. Oktober 2026

Herunterladen: PDF · HTML

Worum es geht

Nach einem Nachmittag mit Minecraft kann Lena nicht einschlafen und betet zwölf Vaterunser. Ihre Freundin Amelie zählt Schäfchen und umarmt Bäume. Ist das dasselbe? Lena fragt ihren Lehrer, ihre Nachbarin und ihre Freundin – und findet die Antwort beim Gottesdienst.

Zum Vorlesen: Die Geschichte wurde im Gottesdienst vorgelesen, während die Bilder an die Wand projiziert wurden. Die Bilder dürfen dafür in Gemeinden gezeigt werden.

Die Geschichte

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

„Es ist kein Wunder, dass du nicht schlafen kannst“, schimpfte Mama. Und, auch wenn Lena das um keinen Preis zugeben würde: Mama hatte recht.
Ihre Eltern waren heute sehr beschäftigt gewesen und sie hatte die fehlende Aufmerksamkeit genossen. Sie hatte sich Mamas Tablet ausgeliehen und den ganzen Nachmittag gezockt.
Lena hatte eine riesige virtuelle Landschaft geformt, mit einer großen Pyramide in der Mitte, umgeben von einem exotischen Wald, Wiesen mit Tierherden und einem tiefen See voller Fische.
Bereisen würde sie diese Welt vielleicht nie, denn das Bauen machte ihr immer am meisten Spaß.

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Doch Lena hatte viel zu lange gebaut.

Sie hatte nicht aufhören können, war ganz in Minecraft versunken und Papa hatte sie erst nach Stunden aus dem Sog des Spiels gerissen, als er am Abend nach Hause gekommen war und gerne mit ihr gesprochen hätte.
Lena war wortkarg geblieben, die Gedanken beim Spiel. Und nun fand sie auch nach Stunden keine Ruhe.
„Leg dich wieder ins Bett“, sagte Papa. „Mach das Fenster auf und versuche zu meditieren oder zu beten, das bringt dich runter.“

Lena schloss erneut die Augen und sah wieder nur Klötzchen. Sie versuchte es mit Dankbarkeit, um den Tag zu einem guten Ende zu bringen: „Danke, lieber Gott, für Minecraft.“
Sie wälzte sich hin und her, legte sich auf die linke und die rechte Seite, winkelte ein Bein an und streckte es wieder von sich, lag schließlich mit dem Kopf am Fußende des Bettes und flehte: „Bitte, bitte lass mich endlich einschlafen.“
Sie klagte und drohte: „Wenn du mich nicht sofort einschlafen lässt, dann ist es kein Wunder, wenn ich morgen in der Schule nicht aufpasse.“

Dann sagte sie im Kopf das Vaterunser auf, das sie auswendig gelernt hatte, immer und immer wieder. Beim zwölften Vaterunser hörte sie auf zu zählen, wahrscheinlich folgten weitere.
Irgendwann schlief sie schließlich, völlig erschöpft vor sich hin murmelnd, ein.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet
Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Lena hatte beim Beten nicht zu Unrecht gedroht, wie sich am nächsten Tag herausstellte. „Wenn du weiterhin so gähnst, steckst du noch die Lehrer an, du wirst schon sehen“, kicherte ihre Freundin Amelie in der Großen Pause, „ich fühl mich selbst schon ganz benommen.“
„Ich habe gestern zu viel gezockt und konnte danach ewig nicht einschlafen“, stöhnte Lena.
„Wenn mir das passiert, zähle ich immer Schäfchen“, erwiderte Amelie. „Vor kurzem habe ich mir im Bett 48-mal vorgestellt, wie eines über den Zaun hüpft, und schon war ich weg.“
„Ich habe es am Ende mit Beten geschafft, 12 Vaterunser habe ich gebraucht. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das das Gleiche ist, Beten und Schäfchenzählen“, meinte Lena, „aber ich schätze, es läuft auf dasselbe hinaus.“

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Dieser Gedanke, einmal ausgesprochen, ließ Lena trotz ihrer Müdigkeit den ganzen Tag lang nicht los.

Betete sie nur, weil ihre Familie zur Kirche ging, und Amelie zählte abends Schäfchen und umarmte tagsüber Bäume und eigentlich war das alles ganz gleich?

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In der nächsten Religionsstunde stellte Lena diese Frage ihrem Lehrer vor der gesamten Klasse: „Herr Herbst, ich habe mich gefragt, ob Beten nicht nur Einbildung ist. Meine Freundin betet nicht, sie zählt zur Beruhigung Schäfchen und erzählt Bäumen, wie es ihr geht; sie umarmt sie dabei. Sie schwört, dass ihr das hilft und guttut.“
Zu ihrer Überraschung schien ihre Frage Herrn Herbst weder zu beunruhigen noch zu erstaunen, eher belustigte sie ihn: „Lena, ich glaube, dass Gott nicht nur in jedem von uns steckt, sondern auch in jedem Baum und in jedem Schaf. Vielleicht betet ihr ja beide, auch wenn ihr das unterschiedlich nennen mögt.“

Was für eine komische Erwachsenen-Antwort, fand Lena. Ein wenig selbstgefällig, ein wenig doof und vor allem wenig hilfreich.

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Die Antwort ihrer Nachbarin Frau Rosenblatt, die Lena auf dem Weg nach Hause wie üblich in ihrem Garten antraf, war nicht besser.
„Dass die einen zu Gott beten und die anderen mit Bäumen reden und es mal auf die eine, mal auf die andere Weise funktioniert und oft auch nicht, ist das nicht nur ein Zufall?“, fragte Lena.
„Ich glaube nicht an Zufälle“, meinte Frau Rosenblatt. „Aber ich glaube, dass alles wertvoll ist, was mir zufällt, Lenchen.“
„Was soll das denn sein?“, ärgerte sich Lena, „das, was einem zufällt? Das verstehe ich nicht.“
„Für dich ist es vielleicht das, was gerade in deinem Köpfchen rattert, meine Liebe“, erklärte Frau Rosenblatt. „Für mich ist es dein Überraschungsbesuch heute Mittag.“

Anstandshalber beschloss Lena, zustimmend zu nicken. Frau Rosenblatt sagte manchmal Dinge, die sie erst im Nachhinein verstand.

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Nach den Hausaufgaben traf sich Lena mit ihrer Freundin: „Amelie, du musst mir helfen. Was du mir über das Schäfchen-Zählen und Bäume-Umarmen erzählt hast, bringt mich ziemlich durcheinander.
Ich bitte dich, sei ehrlich: Meinst du, ich bilde mir das alles nur ein? Die Taufe, die Erstkommunion, die vielen Gottesdienste und Feste, die Gebete – ist das alles nur Quatsch?“
Amelie brauchte eine Weile, um zu antworten. „Nein, ich denke nicht“, sagte sie schließlich. „Ich habe das Gefühl, dass es dir Kraft gibt, und manchmal kann ich sie in dir spüren. Wie in einem wilden Baum.“

Als beim nächsten Gottesdienst alle Kinder nach vorne gerufen wurden, um gemeinsam das Vaterunser zu beten, ging Lena dennoch etwas widerwillig. Sie würde wahrscheinlich an Schafe denken.

Sie stellte sich mit den anderen um den Altar und reichte Sophia, ihrer Nachbarin zur Linken, und Moritz, ihrem Nachbarn zur Rechten, die Hände.
„Vater unser im Himmel“, begannen sie zusammen zu sprechen.
Sie bemerkte, wie die beiden ihre Hände fester drückten, als würden sie ihr zuflüstern: Wir gehören zusammen, du bist nicht allein.
„Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“
Dann spürte sie, wie bereits so oft zuvor, eine Wärme, die sich in ihr ausbreitete. Eine stille Kraft, in der sie sich ganz bei sich spürte – so ziemlich das Gegenteil des Gefühls, als sie nach langem Zocken nur noch Klötzchen gesehen hatte.

Das ist kein Zufall, dachte Lena. Das ist die Kraft, die Bäume wachsen lässt, die Schafe wachsen lässt und auch mich.

Für einen Moment war sie in dieser Kraft und die Kraft war in ihr.

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Lizenz und Rechte

Text: Thomas J. Weiss, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Die Geschichte darf vorgelesen, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange der Autor genannt wird.

Ausgenommen von dieser Lizenz sind die Bilder: