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Post von Lena

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Eine Bildergeschichte aus der Reihe „Lena“ · Teil 5 von 5 · Gemeindefest

Autor: Thomas J. Weiss

Jahr
2022
Länge
1234 Wörter, vorgelesen ca. 10 Minuten
Bilder
9
Fassung
6. Oktober 2026

Herunterladen: PDF · HTML

Worum es geht

Zum Gemeindefest sollen die Kinder Briefe an ihre Gemeinde schreiben. Doch was ist eine Gemeinde überhaupt? Ein Starenschwarm, kleine Kartoffeln aus dem Garten von Frau Rosenblatt und ein Anruf beim Pfarrer helfen Lena, ihren Brief zu schreiben.

Zum Vorlesen: Die Geschichte wurde im Gottesdienst vorgelesen, während die Bilder an die Wand projiziert wurden. Die Bilder dürfen dafür in Gemeinden gezeigt werden.

Die Geschichte

„Altdorf, den 11. September 2022“, hatte Lena auf ein Blatt Papier geschrieben, „Liebe Gemeinde“.

Mehr allerdings stand da noch nicht.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Es war ein bewölkter Sonntagmorgen, es war kühl geworden. Häufiger Nieselregen hatte erst vor einigen Tagen das Ende eines heißen und trockenen Sommers eingeläutet. Lena saß in ihrem Zimmer, den ungeschriebenen Brief vor sich liegend, und schaute aus dem Fenster. Nur zwischendurch schien noch die Sonne.
Im Nachbarsgarten arbeitete Frau Rosenblatt mit einer Grabegabel, bückte sich immer wieder und warf etwas in einen großen Korb. Vielleicht erntete sie Kartoffeln – so genau konnte Lena das aus der Ferne nicht sehen.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Auf der Weide hinter der Wildhecke hatte sich ein großer Vogelschwarm niedergelassen, der immer wieder aufflog. Stare, vermutete Lena, die sich für die anstehende Reise in den Süden gesammelt hatten.

Dutzende von kleinen Vögeln flogen auf und vereinten sich kurz zu einem großen, pulsierenden Gebilde, das, stetig seine Form wechselnd, sich alsbald wieder auflöste, wenn sie sich an anderer Stelle niederließen.
Lena hatte keine Ahnung, was sie schreiben sollte.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

In zwei Wochen würde das Gemeindefest stattfinden und der Pfarrer hatte den Kindern vorgeschlagen, zu diesem Anlass Briefe zu schreiben, die in der Kirche an einer Pinnwand aufgehängt und von allen zu sehen sein würden: Briefe an ihre Gemeinde.
„Ich kann doch noch gar nicht schreiben“, hatte Mira protestiert, die erst in diesem Herbst in die Schule kam. Wer noch nicht schreiben könne, könne vielleicht ein Bild malen, hatte der Pfarrer erwidert.
„Hausaufgaben in der Kirche“, hatte Lukas kopfschüttelnd gestöhnt, „geht’s noch?“ Wer nicht wolle oder keine Zeit habe, hatte der Pfarrer vorgeschlagen, könne sich in der Zwischenzeit vielleicht auf die Briefe der anderen freuen.
„Schneckenpups“, hatte die kleine Lara nur gemeint und alle hatten sich vor Lachen auf dem Boden gekringelt.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Lena wollte ihrer Gemeinde gerne schreiben. Wenn sie nur gewusst hätte, was und an wen genau …

Ihre Gemeinde bestand aus Menschen, die mit ihr die Kirche besuchten und Feste feierten, aus Kindern und Erwachsenen. Die Gemeinde entstand, wenn sie zusammenkamen, vielleicht wie die Vögel in jenem Schwarm.
Die Stare verband ein Ziel, ein Traum von einem Ort jenseits des Winters und vielleicht die Idee, es nur gemeinsam erreichen zu können.
Was aber verband Lenas Gemeinde?

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Frau Rosenblatt hatte ihre Grabegabel in die Erde gesteckt und trug ihren Korb nach Hause. Die alte Frau ging leichten Schrittes. Falls sie Kartoffeln geerntet hat, ist die Ernte wohl nicht besonders gut ausgefallen, sagte sich Lena.
Lena dachte an den Schulanfang, der kurz bevorstand, an ihre Schulfreundinnen und -freunde, die sie endlich wiedersehen würde. Und mit etwas Bauchgrummeln an die Tests und Klassenarbeiten, die ihr schon bald wieder bevorstünden. Die Sommerferien waren leicht gewesen, federleicht beinahe.
In einer Gemeinde, fiel Lena auf, gibt es keine Noten: Wenn ich meinen eigenen Brief nicht fertig bekomme, darf ich mich über die Briefe der anderen freuen.
Auch gab es weder Schulpflicht noch Ferien. Wenn sie keine Zeit hatte, den Gottesdienst zu besuchen, war ihre Gemeinde trotzdem da. Selbst wenn Lena längere Zeit wegbliebe, würde sie wieder willkommen sein; so, wie sie war.

Am Nachmittag beschloss Lena, Frau Rosenblatt zu besuchen.
„Ich habe Sie heute Morgen mit der Grabegabel arbeiten gesehen“, sprach sie ihre Nachbarin in deren Garten an. „Wir sind heute auch nicht in die Kirche gegangen, Mama und Papa hatten keine Zeit.“
„Ich habe Kartoffeln geerntet“, erwiderte Frau Rosenblatt, „sie sind in diesem Jahr allerdings sehr klein geraten.“
„Wollten Sie denn nicht in Ihre Gemeinde gehen?“, fragte Lena.
„Weißt du, wir feiern unseren Gottesdienst am Schabbat, der am Samstagabend endet. Ich hätte gestern fahren müssen. Aber zu meiner Gemeinde ist es weit, ich kann den langen Weg nicht mehr an jedem Wochenende auf mich nehmen.“
„Fehlt Ihnen Ihre Gemeinde denn nicht?“

„Oh doch, Lenchen, sie fehlt mir.“
„Was fehlt Ihnen denn am meisten?“

Frau Rosenblatt dachte eine Weile nach und sagte: „In meiner Gemeinde kann ich mich am besten erinnern: der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.“
„Kann man sich denn an die Gegenwart und an die Zukunft erinnern?“, wunderte sich Lena.
„Das ist sogar sehr wichtig“, bekräftigte Frau Rosenblatt. „Manchmal dröhnt die Vergangenheit derart laut, dass man den Glauben an die Zukunft fast verlieren könnte. Manche hingegen feiern die Zukunft so ausgelassen, dass sie darüber das Jetzt ganz vergessen. Dabei hat doch alles seine Zeit.
Möchtest du mit mir die neuen Kartoffeln probieren? Ich habe vorhin ein paar in den Ofen geschoben, sie müssten gleich fertig sein.“
Sie aßen die kleinen Kartoffeln unter einem großen Gartenschirm. Sie schmeckten vorzüglich.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Am Abend saß Lena erneut an ihrem Schreibtisch. Es wurde nun früher dunkel und draußen dämmerte es bereits.
Ihr Brief war nicht fertig geworden, morgen begann wieder die Schule und sie würde ihren Kopf für ganz andere Dinge benötigen.
Nachdem auch Mama ihr nicht hatte weiterhelfen können, rief Lena schließlich den Gemeindepfarrer an. Dieser hatte schließlich die Idee gehabt.
„Daniel, ich möchte meinen Brief an die Gemeinde ja gerne schreiben. Aber ich muss zunächst wissen, was eine Gemeinde überhaupt ist.
Vieles habe ich bereits herausgefunden. Doch ich verstehe nicht, wie es sein kann, dass alle kommen und wegbleiben können und trotzdem alles funktioniert.
Wie hält denn das alles zusammen?“

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„Lena, hast du dir einmal überlegt, wer in die Gemeinde einlädt?“, fragte der Pfarrer.
„Du natürlich“, erwiderte Lena, „im Gemeindebrief ist sogar dein Bild abgedruckt.“
„Nein, Lena, ich spreche die Einladung nur aus. Jesus selbst lädt ein, ich darf nur daran erinnern. Und daran, dass seine Einladung ohne jede Bedingung und ohne jeden Vorbehalt für jeden Menschen gilt, weil wir vor Gott alle gleich wertvoll sind.
Diese Einladung hält eine Gemeinde zusammen.“
Mit dieser Antwort war Lena beinahe zufrieden.

„Aber klappt es denn“, wollte sie wissen, „dass in einer Gemeinde stets alle willkommen sind und alle gleichbehandelt werden?“
„Es klappt recht gut“, antwortete Daniel nach kurzem Nachdenken. „Solange wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, genügt es, gemeinsam einen Schritt nach dem anderen zu gehen.“

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Noch bevor die Sonne ganz untergegangen war, hatte Lena ihren Brief fertiggestellt. Sie las ihn sorgsam noch einmal durch.

Altdorf, den 11. September 2022

Liebe Gemeinde,

ich wünsche uns allen ein schönes Fest.
Ich habe nicht selbst entschieden, zur Schule zu gehen. Auch meine Eltern müssen zur Arbeit.
Bei unserer Gemeinde aber ist das anders und dafür bin ich dankbar. Sie ist ein Geschenk, deshalb verteilt sie auch keine Noten.
Jede und jeder ist bei uns willkommen, denn vor Gott sind alle Menschen gleich. Jesus lädt alle ein, der Pfarrer sagt’s nur weiter.
Wir kommen zusammen, um uns gemeinsam daran zu erinnern, was uns am wichtigsten ist.

Eine kluge Frau hat mir erklärt: Erinnern kann man sich an die Vergangenheit, an die Gegenwart und an die Zukunft.
Das betrifft vor allem die Erwachsenen, glaube ich. Versucht doch mal, für einen Moment in der Gegenwart bei uns Kindern zu bleiben. Und vergesst niemals unsere Zukunft!
Wir können wie ein Vogelschwarm sein. Manchmal entsteht aus vielen Einzelnen etwas Wunderbares, das für einen Moment zu schweben beginnt.
Dabei ist jede Etappe wertvoll: einen Schritt nach dem anderen, unserem gemeinsamen Traum entgegen.
Die kleinsten Kartoffeln sind die besten.
Ich bin glücklich, mit euch reisen zu dürfen.
Schneckenpups!

Eure Lena

Lena faltete den Brief zweimal, steckte ihn in einen Umschlag und verschloss ihn.
Dann legte sie ihn ganz vorne ins Bücherregal. Schließlich wollte sie ihn in zwei Wochen auf keinen Fall vergessen.

Lizenz und Rechte

Text: Thomas J. Weiss, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Die Geschichte darf vorgelesen, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange der Autor genannt wird.

Ausgenommen von dieser Lizenz sind die Bilder: