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Die Aschermittwochshausaufgabe

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Eine Bildergeschichte aus der Reihe „Lena“ · Teil 1 von 5 · Aschermittwoch und Fastenzeit

Autor: Thomas J. Weiss

Jahr
2022
Länge
713 Wörter, vorgelesen ca. 6 Minuten
Bilder
11
Fassung
6. Oktober 2026

Herunterladen: PDF · HTML

Worum es geht

Lena hat miese Laune: Herr Herbst will wissen, worauf die Klasse bis Ostern verzichten könnte – nach zwei Jahren Pandemie, in denen alle nur verzichtet haben. Ein Tag voller Ärger, ein langer Mittagsschlaf und eine zweite, ganz andere Hausaufgabe.

Zum Vorlesen: Die Geschichte wurde im Gottesdienst vorgelesen, während die Bilder an die Wand projiziert wurden. Die Bilder dürfen dafür in Gemeinden gezeigt werden.

Die Geschichte

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Auf dem Heimweg von der Schule hatte Lena miese Laune.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Im Schulbus nannte sie ihre Freundin Amelie eine fiese Zicke.
Daraufhin schwieg Amelie und stieg an ihrer Haltestelle aus, ohne sich zu verabschieden.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Angefangen hatte alles in der Schule:
Herr Herbst hatte ihnen als Hausaufgabe aufgegeben, sie mögen sich bis zur nächsten Stunde überlegen, auf was sie bis Ostern verzichten könnten und warum das sinnvoll sei. Lena hatte sich schrecklich geärgert.
Verzichten? Seit bald zwei Jahren, seit Beginn dieser verdammten Pandemie, hatten sie alle andauernd nur verzichtet.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause grummelte der Ärger in ihrem Bauch so sehr, dass Lena zwei Krokusblüten, eine gelbe und eine lilafarbene, mit ihrer Schuhspitze ausriss und quer über die Wiese kickte.
Ihre letzten zwei Geburtstagspartys waren ins Wasser gefallen, seit Monaten fiel ihr Training aus und eigentlich hätte gerade die Fastnacht mit einem großen bunten Umzug zu Ende gehen sollen, bei dem sie nur allzu gerne mitgelaufen wäre. Auch der Umzug war abgesagt worden.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Die alte Dame im Nachbarsgarten befreite ihre Beete in der Mittagssonne von Reisig.
Lena warf ihr heute kein freundliches „Hallo, wie geht’s Ihnen?“ zu.
Frau Rosenblatt hatte ihre Schritte gehört, schaute verwundert auf, rief „Alles gut, Lenchen?“, doch Lena hielt ihren Blick abgewandt und verschwand stumm hinter der nächsten Häuserecke.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Beim Mittagessen war Lena noch immer sehr missmutig und aß nur ein paar Bissen.
Am Schreibtisch schaffte sie nicht, auch nur mit den Hausaufgaben anzufangen.
Lena legte sich ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Alleine die Vorstellung, über noch mehr Verzicht nachdenken zu müssen, machte sie ganz zittrig vor Wut und so gab sie noch ein paar zornige Tritte in die Kissen am Fußende des Bettes.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Erst nach langem Hin- und Herwälzen gelang es Lena, nicht mehr an ihre Hausaufgabe, an Herrn Herbst und an die vielen ausgefallenen Feste zu denken. Langsam verebbte ihr Ärger, sie wurde traurig. Und auf einmal sehr müde.

So fiel Lena schon am frühen Nachmittag dieses Tages, der bislang kein guter Tag gewesen war, in einen tiefen Schlaf.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Als Lena am frühen Abend erwachte, stand die Sonne schon tief am Himmel.
Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen, streckte sich und machte sich auf, vor dem Abendessen noch schnell ihre Aufgaben zu erledigen: ihre Kleidung und den Schulranzen für den nächsten Tag vorzubereiten, ein Bild fertig zu malen und schließlich die noch unerledigte Hausarbeit zu beginnen.

Der letzte Rest Wut war inzwischen verloschen und so setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schrieb:

Religion, Herr Herbst
Hausaufgabe am Aschermittwoch, den 02.03.

Ich möchte bis Ostern (und darüber hinaus) auf das Verzichten verzichten.
Das finde ich sehr sinnvoll, weil wir alle in der letzten Zeit genug verzichtet haben.
In den nächsten 40 Tagen werde ich deshalb alles tun, was noch erlaubt und möglich ist.

Dieser Text war frech und befreiend und so fühlte sich Lena schon beinahe wieder gut.
Allerdings musste sie nun an den Verlauf dieses Tages denken – und es war wirklich kein guter Tag gewesen. Sie hatte sich, vor lauter Ärger, ziemlich doof benommen.
Noch heute Abend würde sie ihre Freundin Amelie anrufen, um sich bei ihr zu entschuldigen. Bei Frau Rosenblatt, der alten Nachbarin mit dem schönen Garten, würde sie morgen nach der Schule vorbeigehen.
Und die geköpften Blumen, nun, die waren für dieses Jahr unwiederbringlich dahin. Sie würden hoffentlich im nächsten Frühjahr wieder blühen.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Warum hatte sie sich überhaupt derart aufgeregt? War eine blöde Aufgabe einen solchen Ärger wirklich wert gewesen?
Lena seufzte. Dann wusste sie auf einmal, was sie wollte.
Sie nahm ihr Hausaufgabenblatt noch einmal zur Hand und strich alles durch, was sie bislang geschrieben hatte.

Foto zur Geschichte, mit Leuchtkonturen verfremdet

Stattdessen schrieb sie:

Religion, Herr Herbst
Hausaufgabe am Aschermittwoch, den 02.03.

Ich möchte bis Ostern (und darüber hinaus) darauf verzichten, mich über Dinge zu ärgern, die mir nicht wichtig sein sollten.
Wie über diese Hausaufgabe.
Das finde ich sehr sinnvoll, weil es mir guttut.
Und weil es meiner Freundin Amelie guttut, meiner Nachbarin Frau Rosenblatt und sogar den Blumen am Wegesrand.
In den nächsten 40 Tagen möchte ich jeden Tag ein wenig wachsen. Ich möchte jeden Tag ein kleines Fest feiern und an Ostern ein großes.

Fröhlichen Frühling!
Lena

Lizenz und Rechte

Text: Thomas J. Weiss, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Die Geschichte darf vorgelesen, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange der Autor genannt wird.

Ausgenommen von dieser Lizenz sind die Bilder: