Zwei Glocken, sechs Szenen, 150 Jahre
Ein Sprechspiel zum Jubiläum der Alt-Katholischen Gemeinde Baden-Baden · uraufgeführt am 24. September 2023 in der Spitalkirche Baden-Baden, zum Spitalkirchenfest und zum Auftakt des 150-jährigen Gemeindejubiläums
Autoren: Tom Dorner und Thomas J. Weiss
- Jahr
- 2023
- Dauer
- ca. 30 Minuten
- Besetzung
- 12 Sprechrollen, dazu eine Bedienung
- Fassung
- 6. Oktober 2026
Worum es geht
Die alte Glocke der Spitalkirche hat mehr als 250 Jahre gehört, was unter ihr geschah. Sie erinnert sich an sechs Momente aus der Geschichte der Alt-Katholiken in Baden-Baden: an ein Ehepaar in der Küche, kurz bevor alles beginnt, an einen Streit beim Frühschoppen, an zwei Bäuerinnen an der Haustür, an zwei Pfarrer, die nach dem Krieg um ihre Schuld ringen, an einen Vater und seine Hippie-Tochter und an eine Betende vor dem „Fenster des Glaubens“. Am Ende läuten zwei Glocken – und wünschen der Gemeinde Offenheit und Heilung.
Hinweis für andere Gemeinden: Das Stück ist für das Jubiläum der Alt-Katholischen Gemeinde Baden-Baden geschrieben. Die Glocken, die Spitalkirche, ihr „Fenster des Glaubens“ und die Jahreszahlen gehören zu ihrer Geschichte. Andere Gemeinden können sie durch ihre eigene Geschichte ersetzen.
Aufbau
Das Spiel dauert etwa 30 Minuten. Sechs Szenen aus 150 Jahren werden an vier Spielorten in der Kirche gespielt; zwei Spielorte werden je zweimal genutzt. Der Sprecher gibt der alten Glocke ihre Stimme und liest von der Empore. Vor jeder Szene schlägt die Glocke, und die Jahreszahl der Szene bleibt bis zu ihrem Ende sichtbar, etwa auf der Liednummern-Anzeige. Zwischen den Szenen kann Musik nach Wahl erklingen.
Rollen
- Sprecher: die Stimme der alten Glocke, im Epilog beider Glocken
- Elsbeth und Anton, ein Ehepaar (1867)
- Otto und Heinz, zwei Männer beim Frühschoppen (1874), dazu eine Bedienung
- Frieda und Carola, zwei Bäuerinnen (1902)
- Paul und Fritz, zwei alt-katholische Pfarrer (1949)
- Vater und Tochter (1972)
- Betende (2000)
Prolog
Sprecher Höre! Horch!
(Glockenschlag der alten Glocke)
Sprecher Ich bin die große der zwei Glocken der Baden-Badener Spitalkirche,
„in honore virginis Marie“, „zu Ehren der Jungfrau Maria“.
Vor über 250 Jahren, mehr als einem Vierteljahrtausend, in Straßburg gegossen.
Ich habe ein Achtel der Geschichte des Christentums erlebt, Schönes und Schreckliches.
Ich bin schwer wie drei ausgewachsene Leut’.
Mich bekommt man fast nie zu Gesicht, aber ich blicke weit ins Tal hinaus,
in eure Stadt hinein.
Ihr seht mich nicht, doch ihr hört mich ständig.
Eure Eltern haben mich gehört, eure Großeltern und Urgroßeltern und viele Generationen davor.
Ihr hört mich ständig, doch hört ihr mir denn zu?
Jeder meiner Glockenschläge lässt eine Erinnerung verblassen.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Sprecher Jeder meiner Glockenschläge lässt eine Erinnerung entstehen.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Sprecher Jeder meiner Glockenschläge bewahrt eine Erinnerung.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Erste Szene – 1867: In der Küche einer badischen Familie
(Elsbeth steht am Herd und kocht, ihr Mann Anton steht hinter ihr am Tisch.)
Elsbeth Hat es jetzt wirklich schon zwölf Uhr geschlagen?
Du, Anton, das Essen ist gleich fertig. Setz dich doch schon mal da hin.
Warum machst du denn so ein Gesicht?
Anton Ach! Ich könnte mich schon wieder über den Vater aufregen.
Was ist er doch für ein sturer Bock.
Elsbeth Das hat manchmal auch sein Gutes.
Anton Ja, du hast recht. Eigentlich könnte ich stolz auf ihn sein.
Was hat sich Karl in Karlsruhe für die Badische Revolution eingesetzt!
Elsbeth Schneid und Sturheit liegen eben oft nicht weit voneinander weg.
Aber der Karl hat schon Glück gehabt, dass er ohne Schaden davongekommen ist.
Anton Wäre es den Schaden denn nicht wert gewesen?
Sie haben wirklich für unsere Freiheit gekämpft, auch für deine.
Vieles hat vielleicht nicht geklappt und eine demokratische Republik haben wir 20 Jahre später noch immer keine, aber eine Verfassung haben wir immerhin und vielleicht kommt der Rest ja bald auch noch.
Elsbeth In den Köpfen hat sich etwas verändert, glaub mir, und das ist oft erst einmal der wichtigste Schritt.
Und trink auch nicht so viel, sonst hast du nachher wieder keinen Hunger.
Anton Im Moment wird der Hunger bloß schlimmer, koch halt schneller.
Und dass sich etwas in den Köpfen verändert, das wäre woanders auch bitter nötig.
Schau dir bloß die Kirche an, da passiert gerade gar nichts!
Man soll sein Maul nicht aufmachen und alles wird von oben herunter verordnet.
Dabei wäre es längst an der Zeit, dass die Leute auch dort mal mitreden und mitbestimmen.
Höchste Zeit wäre es und besser für die Kirche wäre es auch …
Elsbeth Jetzt mach mal langsam, wann warst du denn überhaupt das letzte Mal in der Kirche?
Martha hat mich schon gefragt, ob du jetzt zu den Heiden gehörst …
Unser Herr Pfarrer weiß schon, was richtig ist. Und ich habe von ihm gehört, dass ein Konzil einberufen werden soll.
Anton Die sollen einberufen, was sie wollen …
Kennst du einen, kennst du alle – ein stures Pack ist das. Aber ich kann auch stur sein!
Und ich gehe erst dann wieder in die Kirche, wenn sich dort etwas tut in Sachen Liberalität.
Elsbeth Oh je! Ganz der Vater bist du. Der Karl konnte es halt auch nicht lassen.
Anton Und mit was?
Elsbeth Wie, mit was, Anton?
Anton Mit Recht, Frau. Mit Recht.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Sprecher Stets läute ich im Hier, im Jetzt.
Ich gebe euch den Takt.
Ich gebe euch Sicherheit.
Ich gebe euch Heimat.
Mit jedem Läuten geht für euch eine Stunde zu Ende und wird zur Vergangenheit.
Mit jedem Läuten beginnt eine neue Stunde, eine neue Verheißung, eine neue Möglichkeit.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Zweite Szene – 1874: Beim Frühschoppen im Kühlen Krug
(Die Bedienung stellt Otto und Heinz einen frischen Krug Bier hin, sie schenken einander ein und führen ihre Diskussion fort.)
Otto Hast du das gehört vom Dekan Grafenmüller? Wie der geschimpft hat wie ein Rohrspatz?
Recht hat er, der Herr Dekan!
Jetzt müssen wir die Spitalkirche doch diesen Alt-Katholiken überlassen …
Eine Sauerei ist das. Eine Schande.
Heinz Reg dich jetzt nicht so auf, Otto, das ist nicht gut für dein Herzleiden.
Trink lieber noch einen Schluck, das hält den Kopf kühl!
Und ich finde gar nicht, dass das eine Schande ist.
Ich habe von Döllinger gelesen: Er sagt, dass ein Papst nicht unfehlbar sein kann, nur weil er Papst ist.
Dabei haben sie genau das beim Vatikanischen Konzil festgelegt.
Denk doch mal nach, was das für ein Unsinn ist! Unfehlbar kann vielleicht der Herrgott sein, wenn überhaupt.
Aber wer zwei Füße hat und zwei Hände und einen Kopf, der macht auch mal Fehler.
Otto Heinz, das spielt überhaupt keine Rolle: Entweder man ist katholisch oder man ist es nicht.
Neu-Katholisch, Alt-Katholisch – wo kommen wir denn hin, wenn jeder seine eigene katholische Kirche erfindet?
Dann sind wir die Stadtkirche bald auch noch los …
Das musst du doch aus der Bibel kennen: Der Papst ist der Nachfolger Petri und hat seinen Auftrag vom Heiland selbst.
Stellst du den Heiland etwa auch in Frage?
Ein Katholik, der seinem Papst nicht folgt, Heinz, ist wie ein Schaf ohne Hirte, das steht so in der Bibel.
Oder wie Malz ohne Hopfen.
Prost!
Heinz Prost, Otto.
Ich würde es ja gerne gut sein lassen, aber das stimmt einfach nicht, was du sagst.
Aus der Bibel kann man das mit dem Papst und seiner Macht nicht ableiten.
Ich habe es nachgelesen, so steht das überhaupt nicht drin.
Otto Heinz, ich verlasse mich auf das, was die Gelehrten sagen:
auf den Dekan Grafenmüller, auf den Bischof und auf den Papst in Rom.
Für den Herrn Dekan sind die Alt-Katholiken Irrende, du hast es doch selbst gehört.
Aber ich will gerne ein Gebet für sie sprechen, vielleicht hilft ihnen ja der Herrgott auf den rechten Weg zurück. Für die Heiden beten wir ja auch …
Heinz Otto, ich glaube ja, dass der Herrgott uns nicht nur deshalb einen Kopf gegeben hat, damit das Bier beim Handstand nicht wieder rausläuft.
Und dass ich auch eine Gosch’ hab’, damit ich sie ab und zu mal aufmache.
Auf mich haben die Alt-Katholiken bis jetzt nicht den Eindruck von Heiden oder Irrenden gemacht!
Und wenn ich den Döllinger – das ist ein angesehener Theologe – richtig verstanden habe, dann geht es den Alt-Katholiken um ein gutes Bibelverständnis und um eine lebendige Kirche, in der jeder mitdenken darf und nicht alles von oben herab verordnet wird.
Das könnte mir schon gefallen.
Ich glaube, ich muss mir die Spitalkirche doch mal näher anschauen.
Otto Du wirst doch nicht, Heinz, Donnerwetter aber auch!
Heinz Jetzt trink lieber noch einen Schluck, Otto.
Aber nächste Woche gehe ich da hin, das kann nicht schaden.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Sprecher Ich schwinge. Durch die Zeit, in ihr und in sie hinein.
Ich bin die Erinnerung an eure Zeit, die unablässig abläuft.
Ich bin der Trost, dass noch eine Stunde folgen mag.
Ich bin die Mahnung, diese Stunde gut zu nutzen.
Ich bin eure Erkenntnis, dass ich noch hier sein werde, wenn ihr längst gegangen seid.
Ich bin eure Hoffnung, etwas erschaffen zu können, das über euer eigenes Dasein hinausreicht.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Dritte Szene – 1902: An der Haustüre eines Bauernhofes
(Frieda klopft an der Haustüre, Carola öffnet die Tür und tritt heraus.)
Carola Salü Frieda, was gibt’s?
Frieda Ich hol mir den bestellten Bibbeleskäs ab. Du hast doch bestimmt dran gedacht.
Carola Schau, da ist er doch. Wie geht’s dir, Frieda? Wie geht’s daheim?
Frieda Ich will nicht klagen, Carola. Aber wie soll’s auch gehen?
Wir schaffen uns krumm und das Geld reicht halt trotzdem nicht.
Von meinen sechs Kindern sind zwei krank.
Der Kurt ist kaum daheim, der schafft den ganzen Tag im Wald und kommt nur zum Essen heim und zum Schlafen. Und zum Kommandieren kommt er. Wenn er da ist, dann schimpft er nur und alle müssen noch mehr buckeln.
Nach mir schaut niemand und ich habe für nichts mehr Zeit.
Du, ich schaffe es nicht mal mehr in die Kirche …
Carola Sei doch froh, Frieda, die Kirche wäre dir sicherlich keine Hilfe!
Da läuft’s doch gerade so ab wie bei dir daheim. Nix als vorschreiben tut der Herr Pfarrer – gerade so wie dein Kurt!
Im Gegenteil: Fleißig sollst du sein und fromm und fröhlich, und wenn’s dir noch so dreckig geht.
Und Angst haben sollst du, dass der Herrgott dich straft, wenn du mal nicht funktionierst.
Frieda Nein, Carola, so läuft es bei uns eigentlich nicht.
Ich bin jetzt schon lange bei den Alt-Katholiken und die Gemeinde tut mir ganz gut.
Carola Für mich wäre das trotzdem nichts.
Zu den Alt-Katholiken gehen nur die Studierten, sagt man, Leute wie ich haben da nichts verloren.
Frieda Ach was, Carola, ich habe doch auch nichts gelernt.
Aber es stimmt schon, dass es bei den Alt-Katholiken weniger Arbeiterfamilien gibt als woanders.
Vielleicht reden sie deshalb so viel und so lange.
Carola Sag ich doch: Studierte, die die ganze Zeit am Schwätzen und Disputieren sind.
Frieda Ja, sie streiten auch miteinander. Sogar unter den Bischöfen.
Aber weißt du: Jeder und jede sollen halt auch was sagen dürfen.
Carola Wie soll denn das gehen? Wie viele Leute sind denn da?
Frieda Nicht viele. Wir sind insgesamt nur wenige und werden auch nicht mehr.
Halt zwei Hände voll, aber mir genügt das.
Wichtig ist doch, dass diese Wenigen zuhören wollen. Auch mir und sogar die Männer.
Das tut mir in der Seele gut.
Carola Weißt du was? Wenn dir das so wichtig ist, dann hüte ich am nächsten Sonntag mal für dich die Kinder.
Dann kannst du mal wieder in deine Kirche!
Willst du vielleicht noch einen Schnaps zum Abschied?
Frieda Nein Carola, keinen Schnaps, danke. In den anderen Szenen wird schon genug gesoffen.
Aber das Kinderhüten würde mich arg freuen. Kommst du am Sonntag rüber, wenn die Glocken zur Messe läuten?
Vergelt’s Gott, Carola.
Carola Alla, so machen wir es, Frieda!
Segne’s Gott, mein Kind.
Komm, ich bring dich vor.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Sprecher Ganz klein war eure Gemeinde zu Beginn, ich erinnere mich gut.
Ihr seid größer geworden und wieder kleiner.
Stets pulsierend, stets im Wandel, wie die Welt.
Viele sind gekommen, viele sind gegangen, manche blieben bis zuletzt.
Ja, ihr habt euch der Zukunft zugewandt: offen, synodal, liberal.
Doch mit mancher Entscheidung habt ihr auch Menschen verloren, ihnen eine Bleibe geraubt.
Bleibt mutig, aber vergesst nicht ihren Schmerz.
Bleibt achtsam.
Und nehmt euch nicht zu wichtig, ihr Alt-Katholiken!
Ich sehe die Jahrhunderte kommen und gehen.
Die Gemeinden. Die Menschen. Die Kirchen.
Die Welt funktioniert auch ohne euch …
(Glockenschlag der alten Glocke)
Vierte Szene – 1949: Zwei alt-katholische Pfarrer
(Paul sitzt am Tisch, trinkt Wein und liest in einem Buch. Fritz tritt hinzu.)
Paul Komm Fritz, setz dich zu mir. Aber mach doch kein solches Gesicht!
Es war ein langer Tag, für uns alle.
Schau mal: Kalterer See. Ich schenke dir ein Glas ein.
Fritz Sehr gerne, Paul, Dankeschön.
Aber mich lässt das nicht los, ich kann nicht einfach lockerlassen.
Wir dürfen nicht lockerlassen – es ist zu viel passiert!
Paul Oh, Fritz, aber bitte nicht jetzt …
Ich kann es nämlich nicht mehr hören: Der Krieg ist vorbei und es ist, wie es ist.
Wir können daran nun nichts mehr ändern.
Fritz Paul, wenn wir nicht aus der Vergangenheit lernen, dann werden wir an ihrer Last zugrunde gehen.
Wir haben den Nationalsozialisten nicht nur zeitweise unser Vertrauen geschenkt,
wir haben uns ihnen angedient, Paul, das ist doch die Wahrheit!
Das Furchtbare liegt doch zentnerweise auf unseren Herzen – und Schweigen macht es nicht besser.
Paul Natürlich haben wir Alt-Katholiken uns zu sehr herausgehalten im Dritten Reich, da hast du ja recht. Und vielleicht war es nicht mehr als eine Ausflucht zu sagen, dass wir unpolitisch sind.
Aber Schweigen kann auch eine Form des Protests sein, Fritz.
Und außerdem haben gar nicht alle geschwiegen, kritische Stimmen gab es auch bei uns.
Fritz Die gab es, Paul. Aber wir haben sie nicht ermutigt, ihre Kritik öffentlich zu machen.
Wir haben ihre Kritik nicht aufgenommen und sie in die Welt hinausgeschrien – dabei wäre das doch bitternötig gewesen!
Im Gegenteil: Wer hat von einer reichsnahen Nationalkirche gesprochen? Und das zeitweise mit Euphorie?
Wir sind vielleicht naiv gewesen, vielleicht ängstlich, vielleicht verwirrt – aber macht es das besser, Paul, tut es das? Tilgt das unsere Schuld?
Paul Nein, vielleicht nicht, aber wir laden auch keine neue mehr auf uns.
Wir reden so gut wie nicht mehr vom unpolitischen Katholizismus – und das ist auch gut so.
Und die Idee einer Nationalkirche ist ebenfalls längst vom Tisch.
Fritz Und die Entnazifizierung, die durchaus zügiger und überzeugter vonstatten hätte gehen können, ist die nun auch vom Tisch?
Paul Fritz, nun lass es mal gut sein, bitte!
Wir waren 1930 eine kleine, schrumpfende Minderheit.
Manche haben davon geträumt, neue Mitglieder anzuziehen und zu alter Größe zurückzufinden.
Das rechtfertigt nicht das große Unheil – aber das macht uns auch nicht alle zu Schlächtern.
Fritz Das Leben können wir in der Rückschau verstehen, Paul, aber gelebt wird es im Vorwärtsgang!
Wir werden mit unseren Fehlern leben müssen und nur leben können, wenn wir sie uns eingestehen und daraus lernen.
Vielleicht wird sich erst in fünfzig Jahren zeigen, ob uns das zur Genüge gelungen ist?
Aber ich mache morgen damit weiter. Lass uns um unser alt-katholisches Selbstverständnis ringen, Paul – das macht uns doch aus!
Paul Dann lass uns ringen, Fritz, du hast mein Wort.
Aber nicht mehr heute.
Selbst Gott hat die Welt nicht an einem Tag erschaffen …
(Glockenschlag der alten Glocke)
Sprecher Nehmt euch beim Wort und seid stolz auf euer Erbe:
Das Bedürfnis nach Spiritualität ist ebenso ein Grundbedürfnis wie das Bedürfnis nach Freiheit,
es geht weit über euch hinaus und liegt tief im Urgrund der Welt begründet.
Bleibt offen, bleibt synodal!
1922 habt ihr den Pflichtzölibat gegen den Widerstand des Klerus aufgehoben, endlich.
Entscheidet gemeinsam!
Es entscheide aber auch jede und jeder für sich selbst.
Solange unter euch auch nur ein einziger Mensch einem anderen auf seiner Suche nach Freiheit und Spiritualität eine Heimat bietet, erfüllt ihr eure Aufgabe.
(Glockenschlag der alten Glocke)
Fünfte Szene – 1972: Vater und Tochter am Frühstückstisch
(Der Vater sitzt am Tisch und schmiert sich ein Brot, seine Tochter setzt sich hinzu.)
Vater Na, du bist aber ziemlich spät nach Hause gekommen. Hattet ihr eine Fete?
Tochter Nein, Väterchen, keine Fete. Einen Diskussionsabend in der Jugendgruppe.
Vater Im Gemeindeforum? Gab es da was Neues, kleiner Hippie?
Tochter Und ob! Es ist mal wieder einer zu uns konvertiert:
ein Geistlicher, ein Jesuit, kannst du dir das vorstellen?
Vater Erstaunlich! Es geschehen noch Zeichen und Wunder.
Tochter Aber ich weiß nicht, ob das ein gutes Zeichen ist, Väterchen. Was will denn so einer bei uns?
Erich hat uns gestern erklärt: Früher nannte man diejenigen, die die Herrschaft des Papstes über die Welt gut fanden und sich gegen alles Liberale und Säkulare wandten, die Ultra-Montanen.
Wir wollen das Gegenteil, wir sind die Anti-Montanen!
Und unsere ganze Kirche sollte das sein, verstehst du?
Vater Natürlich verstehe ich, kleiner Hippie …
Aber wir müssen auch endlich aufhören, in Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken und zu argumentieren.
Gegen Rom zu wettern bringt uns doch nicht weiter.
Wir müssen nach uns selbst schauen, unsere eigenen Freiheitsgedanken umsetzen!
Tochter Und das von dir? Vergiss nicht, Papa, der Hippie bin ich!
Du bist und bleibst ein Konservativer …
Vater Schon! Aber in einer positiven Weise, finde ich, ich will das Gute bewahren und Freiheit leben.
Tochter Wenn das so einfach wäre …
Vater Es ist nicht einfach, für uns Alte nicht und schon gar nicht für die Jungen.
Ich kann eure Ungeduld ja verstehen …
Aber der Patriarch lebt nun mal in jeder Seele, auch in deiner.
Tochter Eine PatriarchIN mag da vielleicht leben, Väterchen – ganz innen – so wie DIE Freiheit.
Wir Frauen verlangen endlich gleiche Rechte, auch in der alt-katholischen Kirche.
Vater Gemach, kleiner Hippie, lass uns Alten etwas Zeit!
Vielleicht tut sich ja bald noch was.
(Kein Glockenschlag, Stille)
Sprecher Ihr ladet jeden ein, an euern Feiern, an eurer Eucharistie teilzunehmen.
Doch wem sprecht ihr diese Einladung aus? Den Fremden, den Unbekannten?
Das ist einfach.
Aber gelingt es euch auch, die Unbequemen einzuladen, die Andersdenkenden, die Missverstandenen?
Das ist sehr schwer.
Niemand muss kommen, sagt ihr. Es soll kein Zwang herrschen, sagt ihr.
Außer dem Zwang zur Offenheit und Freiheit vielleicht?
Ich habe euch Menschen über Jahrhunderte hinweg beobachtet:
In schwierigen Situationen erscheint euch der Zwang zur Offenheit oft als der schlimmste.
Welche Verantwortung verbindet ihr mit eurer Freiheit?
Über 40 Jahre lang liege ich, die alte Glocke, verstummt und verstaubt auf dem Speicher dieser Kirche.
Über 40 Jahre lang kommt niemand, der mich wieder zum Schwingen bringt.
1996 führt ihr nach langem Ringen die Frauenordination ein und wieder verändert die Kirche ihr Antlitz.
Die Gemeinde verändert sich.
Ob sich eines Tages wohl wieder jemand an mich erinnern wird?
(Kein Glockenschlag, Stille)
Sechste Szene – 2000: Spitalkirche Baden-Baden, vor dem Fenster des Glaubens
(Eine Frau sitzt vor dem Kirchenfenster und spricht, diesem zugewandt, einen Monolog.)
Betende Ich bin traurig und ich habe Angst. Gerade erst ist ein neues Jahrtausend angebrochen.
Aber wohin, mein Gott, wird es führen?
Hier habe ich Heimat gefunden, in diesen alten Steinen, den Erinnerungen, die sie in sich tragen, im stets wiederkehrenden Klang der Glocken, im flüchtigen Licht der Kerzen und in dieser Gemeinde, die stets im Wandel ist.
In der lebendigen Stille, die hier herrschen kann. In diesem Fenster, vor das ich mich setze, um bei dir zu sein, um bei mir zu sein.
Es heißt das „Fenster des Glaubens“. Es kann ein Fenster zum Glauben sein.
Es gelingt mir nicht immer, es zu öffnen.
Alles ist im Wandel, alles stürmt auf mich ein:
Zehn Jahre Krieg in Jugoslawien haben mich mürbe gemacht.
Was soll ich fühlen, wenn ich an Srebrenica denke? Entsetzen, Schande, Wut?
Manchmal fühle ich alles gleichzeitig, manchmal fühle ich nichts.
Wo wird der nächste Krieg ausbrechen? Ertrage ich die Nachrichten noch?
Darf ich mir denn herausnehmen, sie nicht zu ertragen?
Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich die neuen Flüchtlinge in der Nachbarschaft fühlen.
Haben sie eine Zukunft? Haben wir eine Zukunft?
Ich spüre die Zurückhaltung der anderen und habe Angst vor ihrem Hass.
Wie lässt sich ertragen, dass es noch immer so viel Platz für Rassismus und Antisemitismus gibt?
Wohin soll das führen? Was verbirgt sich hinter dem Firnis der Zivilisation?
Immer öfter habe ich das Gefühl, dass die Bedrohungen zunehmen. Die Besserwisserei der Intellektuellen hilft mir ebenso wenig wie die der Politiker. Meine Zweifel nagen an mir.
Vor mir liegt im Fenster des Glaubens das alte Jerusalem in Trümmern. Die Gelehrten bewegen sich nicht, Konsum und Fortschritt leuchten und sind trotzdem hohl.
Ein wirklich passendes Bild …
Doch in ihm erhebt sich Johannes aus den Trümmern und wendet sich kraft seines Glaubens einem neuen, strahlenden Jerusalem zu.
Ich will mich in Zeiten wie diesen nicht von der Welt abwenden.
Aber ich will dir glaubend entgegenstreben, mein Gott, das will ich!
Nimm du meine Last. Und gib mir Heimat.
Epilog
Sprecher Einer hat sich an mich erinnert und weitere sind ihm gefolgt.
Ich schlage wieder. Und ich schlage nicht alleine.
(Glockenschlag der alten und der neuen Glocke)
Sprecher Wir sind die zwei Glocken der Spitalkirche in Baden-Baden:
„In honore virginis Marie“ und „Jubilate“, die Neue.
Seit fünfzehn Jahren klingen wir gemeinsam, meist zu feierlichen Anlässen.
Seitdem haben wir drei Pfarrer der Spitalkirche kommen gesehen,
unzählige Gäste aus anderen Gemeinden, Pfarrerinnen und Pfarrer, Bischöfe.
Die Gemeinde wächst, schrumpft und wächst wieder.
Heute dürfen wir 150 Jahre alt-katholischen Wandel in diesen Mauern feiern.
In Mauern, die sich selbst sehr oft gewandelt haben.
Wir lieben euch in eurer Vielfalt und wir lieben, wenn ihr an Vielfalt wachst.
Wir lieben den Mehrklang!
(Glockenschlag der alten und der neuen Glocke)
Sprecher Wir wünschen euch Fortschritt. Lebendigkeit. Offenheit.
Und wir wünschen euch Genesung.
Achtet darauf, eure Brüche gut heilen zu lassen!
Bevor unsere Töne verklingen, reichen sie weit in die Zukunft hinein.
Möget ihr, während sie verklingen, ganz in eurer Gegenwart sein.
(Beide Glocken läuten gemeinsam.)