Zum Inhalt springen
kirchenkiste

Weihnachten wird es… …wenn DU dabei bist!

Zeichnung: eine selbst gezimmerte Krippe im Vorgarten hinter einem Gartenzaun, mit leeren Plätzen und Menschen, die hinzutreten

Ein Weihnachtsspiel für Kinder und Erwachsene · uraufgeführt 2023 in der Spitalkirche Baden-Baden

Thomas J. Weiss
Textfassung vom 21. Dezember 2023

Jahr
2023
Dauer
ca. 1 Stunde mit Musik, Liedern, Vaterunser und Verabschiedung
Besetzung
13 Rollen, ein Spielort
Fassung
5. Oktober 2026

Herunterladen: PDF · HTML

Worum es geht

Der alte Sepp hat Zeit im Überfluss und stellt eine selbst gezimmerte Krippe in seinen Vorgarten. Doch wer vorbeikommt, hat etwas auszusetzen, und Figur um Figur trägt Sepp zurück ins Haus, bis nur noch das Kind in der Futterkrippe steht. Erst als die Nachbarn merken, was sie angerichtet haben, wird es doch noch Weihnachten: Sie treten selbst an die leeren Plätze.

Hinweis für andere Gemeinden: Das Stück wurde für die Spitalkirche in Baden-Baden geschrieben. Kirche, Kanzel und Wege lassen sich durch eigene ersetzen.

Praktisches

Vorige Aufführungen haben uns gezeigt, dass bei unterschiedlichen Spielorten in der Spitalkirche die Akustik nur schwer zu kontrollieren ist und dass insbesondere ältere Menschen, die schlechter hören, dem Geschehen kaum folgen können.
Dieses Weihnachtsspiel setzt deshalb auf einen einzigen Spielort: Alle Szenen sind im vorderen Altarraum verortet, alle Sprecher*innen sind gut zu sehen, sprechen von dort aus in den Kirchenraum hinein und es gibt nur einen Bühnendekor zu gestalten.

Spielort sind der Vorgarten des alten Sepp und die Straße, die an diesem vorbeiführt.
Sepp hat eine Weihnachtskrippe mit lebensgroßen Figuren aufgestellt. Sie erinnern an große Laubsägearbeiten oder Schattenfiguren und sind nur einfarbig bemalt, an den Umrissen erkennt man: Maria, Josef und die Futterkrippe, in der offenbar das Kind liegt, ein Schaf und einen Hirten, einen Engel, einen Esel.
Die Figuren sind aus so leichtem Material hergestellt, dass der alte Sepp sie mühelos aus seinem Vorgarten hinaustragen und wieder im Keller verstauen kann. Denn das wird im Laufe des Stückes geschehen.
Sepps Vorgarten ist zunächst so schlicht wie seine Krippe. Es ist kein unangenehmer, kein hässlicher Ort und man spürt durchaus, wie gut das alles gemeint ist. Aber es will keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen – dafür fehlt es an Lichtern, an sattem Grün, an Wärme und Glanz.

Spieldauer: Inklusive Musik und Liedern (bis zu 18 Minuten), gemeinsamem Vaterunser und Verabschiedung soll die Veranstaltungsdauer 1 Stunde nicht überschreiten.

Rollen

Prolog

Erzähler*in Auf einmal hatte der alte Sepp Zeit im Überfluss. Viel zu viel Zeit.
Wie es halt manchmal kommt, wenn man ein Leben lang Tag für Tag buckelt, vieles hintenanstellt, sich auf die Rente freut und sich dann wundert, was man denn nun anfangen soll mit all dieser Ruhe.
In der Fabrik hatte sich Sepp wohl gefühlt. In seiner Schicht hatte er ein halbes Arbeitsleben lang mit Franz und Bert zusammengearbeitet, der einäugige Pawel war vor ein paar Jahren hinzugekommen. Die vier hatten ihren Kaffee zusammen getrunken, in der Kantine einen Tisch geteilt und jeden Freitagabend zusammen Karten gespielt. Doch dann hatte die Fabrik Sepp am Ende eines langen Arbeitslebens einfach ausgespuckt.
Anfangs hatte er versucht, den Kontakt nicht abbrechen zu lassen. Doch Pawel war nur wenige Monate danach gestorben, Franz hatte Enkelkinder bekommen und nun nach Feierabend Besseres zu tun. Und zu zweit mit Bert spielte es sich nicht gut Karten. Die Erzählungen aus der Fabrik interessierten Sepp immer weniger, die Erinnerungen an die Gesichter verblassten.
Auch die Arbeit in seiner Werkstatt hatte Sepp sich anders vorgestellt. Ihre Einrichtung war er noch mit großer Freude angegangen: Er hatte sich neue, präzise arbeitende Maschinen gekauft, sich selbst eine Werkbank gebaut und sich einen heimeligen Ort geschaffen, an dem er seinen Lebensabend gut hätte verbringen können. Wenn, nun ja, wenn es dort genügend zu tun gegeben hätte.
Doch wie viele Tische braucht ein alter, alleinstehender Mann? Wie viele Regale? Sepp war die Arbeit schnell ausgegangen und damit leider auch etwas die Freude an seiner Werkstatt.

(Sepp schlurft herein und fegt langsam mit einem Besen den Boden.)

Sepp Ein leidiges Thema. Was das gekostet hat. Und wofür das alles?

Erzähler*in Nun ja, in diesem Jahr war Sepp auf eine Idee gekommen, die möglicherweise einiges verändern würde …

(Sepp fegt nun den Boden zwischen den Krippenfiguren.)

Sepp Ich habe diese Krippe gezimmert und sie bereits im November in meinen Vorgarten gestellt. Damit die Menschen, die an meinem Garten vorbeikommen, sich daran erfreuen können.
An diesem Esel und an diesem Engel, an diesem Schaf und seinem Hirten.
An Josef, Maria und dem kleinen Jesuskind.
Damit sich die Menschen auf Weihnachten freuen können.
(Er setzt sich am Rand der Krippe in einen Gartenstuhl und nippt an einer Tasse.)
Was habe ich dieses Fest als Kind geliebt.
Wie ich mich immer darauf gefreut habe …

Erzähler*in Und so saß er da, der alte Sepp, meist, bis es dunkel wurde, manchmal darüber hinaus, und er beobachtete, warm eingepackt und Glühwein schlürfend, die Menschen, die vorbeigingen.
Manchmal blickte jemand flüchtig herüber, manchmal blieb ein Kind mit großen Augen stehen. Die meisten allerdings hasteten in großer Eile vorbei und mussten dringend noch etwas erledigen …

Sepp … bevor sie in Rente gehen.

(Sepp schläft langsam ein.)

Erzähler*in Dennoch: Es war ein besserer Winteranfang, als Sepp ihn seit Beginn seiner Rente erlebt hatte.
Wenn nur Frau Zeller nicht ständig vorbeigekommen wäre.

(Zwischenspiel, instrumental)

Szene 1

(Sepp ist in seinem Gartenstuhl eingenickt. Frau Zeller kommt mit dem Rollator vorbei, offenbar in Eile, und gestikuliert aufgebracht.)

Frau Zeller Herr Sepp, Sepp, sind Sie wach? Hören Sie doch!
Sie werden doch nicht im Garten schlafen im Dezember, wer weiß, was Sie sich da holen?
Aufgewacht, jetzt aber hurtig!
(Sepp gähnt, murmelt etwas Unverständliches und öffnet die Augen.)
Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten.
Ich bin auf dem Weg zur Heiligen Messe, ich habe wenig Zeit.
Aber ich will Ihnen ganz offen sagen, was Ihnen sonst niemand sagt.
Wenn es mich auch schmerzt …
(Sie schüttelt vehement den Kopf.)
Da haben Sie sich was geleistet!
(Sepp schaut die Dame wach und etwas erschrocken an, schweigt aber noch immer.)
Sepp, hier laufen rechtschaffene Christen vorbei!
Am Sonntag. Auf dem Weg zur Kirche.
Die Fremden wundern sich und die Einheimischen reden.
Was die Leute nur denken sollen …
Verstehen Sie denn nicht?

Sepp Was fehlt ihnen denn?

Frau Zeller Nun werden Sie mal nicht frech, junger Mann!
Der Ochse fehlt ihnen, was denn sonst?

Sepp Der Ochse?

Frau Zeller Sepp, ein Mann wie Sie hätte niemals so lange allein bleiben dürfen.
Ich habe Ihnen oft gesagt, in jungen Jahren, dass es eines Tages zu spät sein würde.
Dass diejenigen, die Sie zu lange warten lassen, sich abwenden würden.
Und dass Sie allein zurückbleiben werden, Sie alter, wunderlicher Kauz.

Sepp Der Ochse, Frau Zeller?

Frau Zeller „Maria legte den Knaben in eine Krippe, und ein Ochse und ein Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: ‚Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.‘“
Wo ist dieser Ochse, Herr Sepp?
Soll das eine Krippe sein oder eine Jahrmarktbude?
Die Leute reden, wenn sie so etwas sehen …
Sie wollten ja keine Frau an Ihrer Seite, Sepp, die Ihnen das sagen könnte:
Neben den Esel gehört ein Ochse, jawohl!

Sepp Aber ich habe Krippen ohne Ochsen gesehen …

Frau Zeller Aber niemals Krippen mit Esel, Sepp, kein Esel ohne Ochse – machen Sie sich nicht über die Weihnachtsgeschichte lustig!
Ich höre die Kirchenglocken läuten, ich muss mich sputen.
Bringen Sie das in Ordnung. Und gehen Sie ins Haus, bevor Sie ernsthaft krank werden.
(Sie hat sich bereits abgewandt, läuft weiter und redet im Weggehen.)
Dieser sture alte Mann, dieser sture.
Was er nicht alles hätte haben können.
Dieser Ochse!

Sepp (brummelt vor sich hin)
Ich hätte es wissen müssen.
Dass die Leute reden.
Ich Esel!

(Sepp steht auf, schlurft zur Esel-Figur und klemmt sie sich unter den Arm. Er geht mit der Figur ins Haus, kommt wieder und setzt sich erneut.)

(Zwischenspiel, instrumental)

Szene 2

Erzähler*in Habt ihr verstanden, von welchem Ochsen die alte Frau Zeller da gesprochen hat? Und von welchem Esel?
Ich war mir da zeitweise nicht ganz sicher …
Dieser Esel aus der Krippe war jedenfalls nicht die letzte Figur, die im Laufe dieses Advents aus Sepps Vorgarten verschwinden sollte.

(Eine Fahrradklingel ist zu hören. Bert schiebt sein Fahrrad vorbei, betrachtet zunächst die Krippe und wendet sich dann Sepp zu.)

Bert Nett hast du das gemacht, Sepp. Wirklich nett.

Sepp Papperlapapp, Bert. Schmier mir keinen Honig ums Maul, ich merke noch genau, wenn mir einer was vormacht! Und dir sehe ich an der Nasenspitze an, dass dir etwas nicht passt.
Nur gerade raus damit, Bert.

Bert Na ja, Sepp, nett ist das alles schon, ein bisschen jedenfalls, aber ich frage mich, ehrlich gesagt: Was machst du da, Sepp, und warum machst du das?
Du warst doch immer kämpferisch und unangepasst, das warst du!
Und jetzt fängst du nun auf deine alten Tage noch zu frömmeln an?
Eine Weihnachtskrippe, ist das dein Ernst?

Sepp Schon, Bert, aber hör mal …

Bert Nein, Sepp, hör besser du mal ganz genau hin!
Schau dir mal diesen Kameraden an: Was soll denn das für einer sein?

Sepp Na, ein Hirte halt, mit seinem Schaf.
Der gehört dazu, zur Krippe, die Hirten waren nun mal die ersten, die da waren …

Bert Ach was, Sepp, das zieht sich doch durch, durch diese ganze Geschichte.
Die Hirten, das sind DIE, das weißt du doch genau.
Und das Schaf, das ihnen folgen soll, Sepp, das Schaf, das bist DU!

Sepp Ich verstehe ja, was du sagen willst, Bert, aber ich bin mir nicht sicher, ob in diesem Fall nicht wir alle gemeint sein könnten …

Bert Sepp, jetzt tu mir doch den Gefallen.
Ich versteh ja, dass du rührselig wirst, in deinem Alter, da habe ich ja gar nichts dagegen.
Aber lass diesen guten Hirten weg, Sepp, sei so gut!

Sepp Ich weiß nicht, Bert …

(Bert ist bereits am Gehen.)

Bert Nix für ungut, Sepp. Aber das bist du dem alten Halunken schuldig, der du einmal warst.
(Er winkt und ruft noch im Verschwinden:)
Und sitz’ nicht den ganzen Tag nur draußen rum, Sepp!
Genieß doch deine freie Zeit!
Ich wollte, ich wäre endlich auch so frei …

(Sepp steht auf, schlurft zur Hirten-Figur, klemmt sie sich unter den Arm, geht mit ihr ins Haus und bleibt dort.)

(Zwischenspiel, instrumental)

Szene 3

Erzähler*in Und so nahm das Unheil seinen Lauf.
Lena war zwölf Jahre alt und ging in die 7b. Sie hatte gerade eine Biologiearbeit zurückbekommen und sie war alles andere als erfreut über ihre Note. Regelrecht zornig war sie.
Doch wie hätte Sepp denn ahnen sollen, dass Lenas Biologielehrerin ausgerechnet Frau Lämmle hieß?

(Lena tritt gegen eine leere Dose, die laut gegen die Kirchenwand scheppert; sie schimpft laut vor sich hin.)

Lena Wie konnte sie nur, die Lämmle? So kurz vor Weihnachten?
Wer lässt denn zwei Tage vor den Winterferien noch eine Bioarbeit schreiben?
Die ganze Zeit sind Weihnachtsfeiern, wie sollten wir da denn zum Lernen kommen?
Das war doch klar, dass das in die Hose geht!

Erzähler*in Lenas Schulweg ging an Sepps Vorgarten vorbei. Seit Wochen war sie bereits unzählige Male an seiner Krippe vorbeigegangen und hatte sie kaum beachtet. Heute aber blieb sie davor stehen, über die Ungerechtigkeit sinnierend, die ihr ihrer Meinung nach widerfahren war.
Dabei fiel ihr Blick auf das Lamm.

Lena Ja, du bist mir ja ein ganz ein schönes Lämmchen …

Erzähler*in … sagte sie und, ohne ganz zu begreifen, was sie da tat, hatte sie schon ihren Schulranzen zur Seite gelegt und war über den Zaun geklettert.

(Lena schreibt mit einem dicken Filzstift „Frau Lämmle“ auf die Lamm-Figur. Sepp kommt mit einer Laterne in der Hand leise summend aus der Dunkelheit, um sich auf seinen Gartenstuhl zu setzen. Lena verschwindet schnell und heimlich. Sepp setzt sich und erblickt die Schmiererei.)

Sepp „Frau Lämmle“? Och nein, nicht wirklich.
Was für eine Schweinerei, unverschämte!
(Er steht schimpfend auf, schlurft zur Lamm-Figur, klemmt sie sich unter den Arm und geht mit ihr ins Haus; im Weggehen sagt er beruhigend:)
Komm, kleines Lämmchen, das kriegen wir wieder hin.

(Sepp kommt ohne Lamm zurück und setzt sich erneut.)

(Zwischenspiel, instrumental)

Szene 4

Erzähler*in Wenn man etwas anstellt, so wie Lena mit dem Lämmchen, dann erzählt man das normalerweise nicht auch noch herum. Man schweigt und genießt – oder man schämt sich ein bisschen.
Lena aber fand sich selbst so wahnsinnig witzig, dass sie sich nicht zurückhalten konnte. Am Nachmittag erzählte sie ihren Freundinnen bei der Chorprobe unter großem Gekicher von Sepps Krippenfigur, die nun Frau Lämmle hieß. Linus, ein Junge aus der Nachbarschaft, stand hinter ihnen und lauschte. Was er da hörte, machte ihn sehr neugierig: Dieses Lämmchen musste er unbedingt sehen.

(Linus bleibt vor der Krippe stehen und reckt den Hals. Sepp räuspert sich. Linus bemerkt ihn und sucht noch immer nach der Lamm-Figur, sagt aber freundlich:)

Linus Guten Abend.

Sepp Was bist du denn für einer? Wo kommst du her? Suchst du etwas?

Linus Nein.

Sepp Das sieht für mich aber ganz anders aus. Bist du vielleicht auf der Suche nach einem jungen Schaf? Bist du der Saukerl, der mein Lamm verunstaltet hat?

Linus Nein. Das war ich nicht.

Sepp Natürlich warst du’s – die Täter zieht es doch immer an den Tatort zurück!
(Er steht auf und macht drohend ein paar Schritte auf Linus zu.)
Warte nur, dich kriege ich, Bursche.

(Linus erschrickt zunächst, weicht aber nicht zurück und strafft die Schultern.)

Linus Lass mich ja in Ruhe, Alter, ich war das nicht. Ich habe davon gehört, das ist alles.

(Sepp baut sich aufgebracht vor Linus auf und schreit ihn an.)

Sepp Saukerl! Dann sag mir sofort, wer es war!

(Linus macht sich so groß wie möglich, bevor er zurückblafft.)

Linus Für wen hältst du mich, Alter? Für einen Verräter? Ich glaub’s nicht!

(Sepp bläst sich erneut auf, hat dann offenbar ein Einsehen und fällt wieder in sich zusammen. Er wendet den Blick ab und schaut ins Leere, als würde er sich an etwas erinnern.)

Sepp Du hast ja recht, ich hätte auch nichts gesagt.

(Sepp schlurft zu seinem Gartenstuhl zurück, setzt sich wieder und schüttelt in Gedanken den Kopf. Linus bleibt aufrecht stehen.)

Linus Und was soll das da überhaupt sein, Alter? Der Zwerg da mit den Flügeln?
Ist das ein Avenger? Iron Man? Soll das Falcon sein oder was?

(Sepp blickt Linus nicht mehr an.)

Sepp Das ist ein Engel!

(Linus lacht laut auf und entspannt sich.)

Linus Ein Engel, Alter. Ein Engel.
(Er zeigt feixend mit dem Finger auf den Engel, dann auf Sepp.)
Du hast dir einen Engel gebastelt?
Wie hobbylos!
Wer glaubt denn so etwas? Ein Riesenbaby?

(Linus geht lachend weiter und verschwindet. Sepp steht auf, schlurft zur Engel-Figur, klemmt sie sich unter den Arm, geht mit ihr ins Haus, kommt wieder und setzt sich erneut. Während des folgenden Zwischenspiels kommt Franz hinzu, begrüßt Sepp per Handschlag und setzt sich neben ihn.)

(Zwischenspiel, instrumental)

Szene 5

(Sepp und Franz schauen auf die Krippe.)

Erzähler*in Und so war Sepps Weihnachtsszene innerhalb nur weniger Tage immer kleiner geworden.
Am vierten Advent blieb bloß noch die Heilige Familie übrig: Maria, Josef und das Christuskind in seiner Futterkrippe.
Aber auch sie sollte nicht bleiben.

Franz Bert hat es mir schon erzählt, Sepp. Eine nette Krippe hast du da gebastelt.
(Er zögert und räuspert sich kurz.)
Äh – Glückwunsch!

(Sepp blickt Franz kurz an und schaut dann gleich wieder weg.)

Sepp Ach!

Franz Eine Mutter, ihr Kind in einer Futterkrippe – und ein Mann.
(Er blickt weiter nachdenklich auf die Krippe.)
Ist dir bewusst, Sepp, dass Josef vielleicht gar nicht der Vater ist?

(Sepp schaut Franz an, schweigt weiterhin, fordert ihn aber mit Blicken auf weiterzusprechen.)

Franz „Geboren von der Jungfrau Maria“, heißt es, ich hab’s nicht erfunden, jetzt schau mich nicht so an. Die Frage nach der Jungfräulichkeit hat schon Freunde entzweit, das weiß ich – aber fürchte dich nicht, Sepp, ich finde sie völlig belanglos.
Nur frage ich mich immer, ob dieser Josef da überhaupt dazugehört. Was will der hier?
Du weißt, ich habe meinen Vater nicht gekannt.
Ich hab’ ihn nie gekannt und er hat mir nie gefehlt.
Aber gelitten, Sepp, habe ich unter denen, die seinen Platz einnehmen wollten.
Unter diesen Möchtegern-Vätern und wie sie gekrochen kamen.

(Sepp schaut Franz zunehmend entsetzt an, steht auf, schüttelt sich, geht zur Josef-Figur und greift nach ihr.)

Franz Sie waren an meiner Mutter interessiert, verstehst du, aber mir haben sie die Komplimente gemacht.
Dabei hat sich keiner von denen wirklich für mich interessiert, Sepp, kein einziger.
(Sepp klemmt sich die Figur unter den Arm, geht mit ihr ins Haus und bleibt dort.)
Recht so, Sepp, pack ihn weg. Alles Schwindler!

(Franz blickt Sepp nach, bis dieser verschwunden ist, steht dann auf und geht auch.)

(Zwischenspiel, instrumental)

Szene 6

(Sepp kommt wieder aus dem Haus geschlurft, stellt sich vor die Figur der Maria und betrachtet sie bedauernd. Die junge Mutter Laura schiebt ihren Kinderwagen die Straße entlang; sie ist mit ihrer Freundin Julia in ein Gespräch vertieft. Beide bemerken Sepp nicht.)

Julia Und du willst wirklich nicht zu deinen Eltern an Weihnachten, Laura?

Laura Nein, ich will nicht und ich kann nicht.
Meine Mutter nervt unheimlich, seit ich den Kleinen habe.
Sie muss endlich verstehen, dass ich anders bin als sie!
Vorher kann ich nicht zurück.
Es ist eine andere Zeit, Julia. Wir haben es in mancher Hinsicht vielleicht leichter als unsere Mütter, aber in so vielem doch auch nicht!
Mamasein ist heute eine ganz andere Herausforderung! Warum will sie das nicht sehen?

(Sepp hört den beiden zu. Er steht hinter der Marienfigur und umfasst sie bereits mit beiden Händen, halb, als wolle er sie schützen, halb, als wolle er sich an ihr festhalten.)

Julia Warum denkst du denn, dass deine Mutter das nicht sieht?
Sie war früher recht verständnisvoll, verständnisvoller manchmal als die meine.
Vielleicht macht sie sich einfach Sorgen um den kleinen Theo?

Laura Er ist mein Kind, Julia. Meines!
Ich brauche Verständnis, ja, aber ich brauche im Moment keine Vorbilder, die mir zeigen, wie man es richtig macht.
Keine Übermutter aus der Vergangenheit, die weder mit dem gleichen Maß gemessen worden ist noch die gleichen Herausforderungen zu meistern hatte!
Das tut mir weh, Julia. Das raubt mir die Kraft, die Probleme auf meine Weise anzupacken. Und ich werde gerade ganz dringend gebraucht.
(Sepp hat Maria beinahe zärtlich angehoben und verschwindet mit ihr. Übrig bleibt nur das Kind in der Krippe. Laura beugt sich vor und küsst das Kind im Kinderwagen. Dabei lacht sie kurz auf.)
Komm, Julia, ich glaube, Theo hat Hunger.

Julia Ja, lass uns gerne etwas schneller laufen.
Mein Verständnis hast du, Laura, ich halte zu dir.
Ihr seid an Weihnachten bei uns willkommen, wenn ihr noch einen Platz sucht.

(Laura und Julia verlassen die Szene.)

(Zwischenspiel, instrumental)

Szene 7

(Es ist dunkel. Nur die Futterkrippe steht noch im Garten. Langsam beginnt sie in warmem Licht zu leuchten.)

Erzähler*in Es gibt diese Momente, in denen alles kurz innehält.
In denen Menschen ihren Alltag für eine Weile ruhen lassen, für einen Moment aufblicken, sich die Augen reiben – und sich wundern.
Manchmal entsteht dann nur eine kurze Pause im hektischen Alltag. Nicht mehr als ein Aufatmen, bevor es wieder losgeht, ein Zwinkern zwischen den Augenblicken.
Doch es kann auch passieren, dass sich einem solchen Moment, vielleicht zwischen all dem Vorweihnachtsstress und den bald beginnenden Festlichkeiten, etwas auftut: ein Riss in der Zeit, der eine Möglichkeit gebiert.
Die Möglichkeit, dass es doch wieder Weihnachten werde.
(Die*der Erzähler*in wendet sich dem Publikum zu.)
Seid ihr nicht alle genau deshalb hier? Wegen dieses Moments?
Das dachte ich mir doch. Dann gebt gut acht!
Es begab sich nämlich, dass Frau Zeller, Bert, Lena, Linus und Franz wie durch Zufall in just einem solchen Moment, als die Zeit kurz innehielt, noch einmal an Sepps Vorgarten vorbeikamen.
(Frau Zeller, Lena, Bert, Franz und Linus kommen langsam aus unterschiedlichen Richtungen, bleiben vor Sepps Garten stehen und schauen zur Krippe hin. Die*der Erzähler*in liest währenddessen weiter.)
Frau Zeller war auf dem Weg zur Kirche, Lena auf dem Weg von der Chorprobe nach Hause. Bert und Franz hatten ein Geschenk auszuliefern, Linus hatte einer Freundin seiner Mutter in deren Namen gerade noch Plätzchen vorbeigebracht.
Und ihnen allen wurde in diesem Moment auf einmal bewusst, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte: dass hier Maria fehlte, Josef, ein Engel. Dass ein Lämmchen verschwunden war, sein Hirte und ein Esel.
Und noch etwas: dass Sepp nicht mehr auf seinem Gartenstuhl saß. Das Haus war dunkel.

(Es wird aufgebracht diskutiert.)

Bert Franz, was ist denn hier passiert?

Franz Eingeschnappt ist er, der Sepp. Ich habe an seinem Josef rumgemault.

Frau Zeller Und ich an einem Ochsen, der mir wirklich gefehlt hat. Nun ja …

Linus Ich habe über seinen Engel gelacht, ich war wütend und total frech.

Lena Ich muss mich dringend bei ihm entschuldigen. Ich habe sein Lämmchen beschmiert.

Linus Ich weiß, ich habe euch belauscht. Echt mutig, wow!

Frau Zeller Dabei hat er es so gut gemeint mit seiner Krippe, der Herr Sepp.

Bert Wir müssen dringend mit ihm reden.
Schaut mal, da, ein Licht!

(Sepp kommt mit einer Laterne, langsam und sehr bedrückt.)

Sepp Guten Abend zusammen. Was macht ihr denn alle hier?

Bert Sepp, das mit deiner Krippe – das tut uns allen sehr leid.

(Die anderen nicken und murmeln zustimmend. Sepp seufzt.)

Sepp Ach, das muss es nicht.
(Er setzt sich in seinen Gartenstuhl.)
Ich fürchte, ihr hattet Recht. Es ist nur eine alte, angestaubte Geschichte. Zweitausend Jahre alt, stellt euch das nur vor. Es ist doch kein Wunder, dass damit keiner mehr etwas anfangen kann.

(Erneut wird aufgebracht diskutiert.)

Frau Zeller Jetzt fängt der auch noch an.

Franz Was haben wir nur getan …

Bert Sepp, ich sehne mich doch auch nach Weihnachten! Und eigentlich mag ich diese Weihnachtsgeschichte sehr.

Lena Warum feiern wir denn Weihnachten, wenn wir nicht an das glauben, wonach wir uns sehnen? Ist das nicht ein bisschen wenig?

Linus Wie soll es denn nun noch Weihnachten werden?
Was können wir tun? He, Sie da – sagen Sie doch was!

(Sepp schaut in die Runde und dabei jeder einzelnen Person in die Augen, als wolle er sich einer Sache vergewissern, dann nickt er langsam.)

Sepp Nun, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber vielleicht war meine Krippe ja doch zu etwas gut.
Ich glaube, es verhält sich mit der Weihnachtsgeschichte wie mit jeder anderen guten Geschichte: Sie muss immer wieder zum Leben erweckt werden, damit sie wirken kann.
Einen Moment, ich bin gleich wieder da.
(Er zieht einen alten Koffer in die Mitte der Bühne, öffnet ihn und verteilt die Gegenstände, die sich darin befinden. Dabei zieht und schiebt er die anderen durchs Bild und stellt sie rund um die Krippe oder im Mittelgang auf.)
Wenn ihr das alle möchtet, dann will ich es noch einmal versuchen!
Frau Zeller, wegen Ihnen ist der Esel verschwunden, Sie stellen sich genau da hin.
(Frau Zeller bekommt Eselsohren aufgesetzt und wird an den Platz des Esels gestellt.)
Bert, du nimmst den Platz des Hirten ein.
(Sepp setzt Bert einen Hut auf und drückt ihm einen Hirtenstab in die Hand. Dann nimmt er ein Schaffell und zwei Ohren aus dem Koffer und schaut auffordernd in die Runde.)
Wer?

(Lena tritt nach kurzem Zögern vor.)

Lena Das war ich. Und ich weiß, wo ich hinmuss.

(Lena zieht das Schaffell und die Ohren an und stellt sich auf allen vieren an ihren Platz. Sepp wendet sich an Linus, drückt ihm Flügel in die Hand und zeigt auf die Kanzel.)

Sepp Dann kommst du wohl nach da oben.
(Er reicht Franz einen Umhang und weist zur Kirchentür.)
Du, Franz, wartest bitte da hinten.
(Er wendet sich dem Publikum zu.)
Könnte bitte jemand die Rolle der Maria übernehmen?
(Er sucht die Reihen ab, bleibt mit dem Blick an einer Dame hängen und zeigt mit dem Finger auf sie.)
Sie vielleicht. Könnten Sie bitte nach vorne kommen?

(Lauras Mutter steht auf.)

Lauras Mutter Nein, tut mir leid. Nicht ich. Dafür bin ich nun wirklich zu alt, das war einmal meine Rolle. Fragen Sie doch meine Tochter, da drüben, die ist gerade Mama geworden.
(Laura steht ebenfalls auf.)
Laura ist eine tolle Mama! Sie passt wirklich gut.

(Laura nickt ihrer Mutter zu, lächelt und sagt dann zu Sepp:)

Laura Ok.

(Laura geht mit ihrem Kind nach vorne, zieht sich einen Umhang über und nimmt im Mittelgang neben Josef den Platz der Maria ein. Sepp holt eine Bibel aus dem Requisitenkoffer, setzt sich in seinen Gartenstuhl und schlägt sie auf.)

Sepp Seid ihr bereit? Dann seid nun ganz still, seid alle ganz still!

Die Weihnachtsgeschichte

Hinweis: Der Bibeltext (Lukas 2,1–20) folgt der Lesefassung der Offenen Bibel; die Engel sprechen im Plural, und Linus spricht Vers 14. Bei der Uraufführung 2023 wurde eine andere Übersetzung gesprochen, die Einheitsübersetzung von 2016.

(Lied: „Meine engen Grenzen“)

(Der Altarraum bleibt noch dunkel.)

Sepp In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus ein Gesetz, dass alle Bewohner des Reiches amtlich erfasst werden sollten. Diese war die erste Volkszählung und geschah zu der Zeit, als Quirinius als Herrscher über Syrien eingesetzt war. Und alle Menschen machten sich auf den Weg in ihre jeweilige Heimatstadt, um sich registrieren zu lassen.
(Vom Kircheneingang aus gehen Laura mit ihrem Baby und Franz durch das dunkle oder nur von Kerzen beleuchtete Kirchenschiff zur Krippe im dunklen Altarraum.)
Auch Josef aus der Stadt Nazaret zog von Galiläa los. Er ging nach Betlehem in Judäa, die als Stadt König Davids bekannt ist, denn Josef stammte aus der Familie Davids. Zusammen mit seiner Verlobten Maria, die ein Kind erwartete, wollte er sich dort registrieren lassen. Doch während sie dort waren, war die Zeit für die Geburt ihres Kindes gekommen.
(Die Krippe im Altarraum wird punktuell beleuchtet. Laura und Franz sitzen mit dem Kind hinter der Futterkrippe.)
Und sie brachte ihren Sohn zur Welt, ihr erstes Kind, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in einen Futtertrog, weil es in der Unterkunft für sie keinen Platz mehr gab.
(Das Kirchenschiff wird beleuchtet, die Engel treten zu Linus auf die Kanzel.)
In der gleichen Gegend gab es Hirten, die unter freiem Himmel lebten und während der Nacht gerade Wache bei ihrer Herde hielten. Da erschienen ihnen Engel des Herrn, und der Glanz Gottes umstrahlte sie. Sie wurden von großer Furcht gepackt. Doch die Engel sprachen zu ihnen:

(Linus und die Engel werden auf der Kanzel angeleuchtet.)

Engel 1 Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch eine große Freude, die allen Menschen gilt:

Engel 2 Denn heute wurde in der Stadt Davids für euch der Retter geboren: Christus, der Herr!

Engel 3 Und dies wird für euch das Zeichen sein: Ihr werdet einen Säugling finden, der in Windeln gewickelt in einem Futtertrog liegt.

Sepp Und plötzlich waren die Engel von einer Vielzahl weiterer Engel umgeben, die alle Gott lobten:

Linus Ehre sei Gott im höchsten Himmel, und Friede auf der Erde bei den Menschen, denen Gottes Wohlwollen gilt!

(Linus und die Engel zünden die ersten Kerzen der Besucherinnen und Besucher an, kehren danach auf die Kanzel zurück und bleiben dort bis zum Schluss. Erst dann beginnt das Lied.)

(Lied: ein Gloria nach Wahl)

Sepp Als die Engel wieder in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: „Los, wir wollen nach Betlehem gehen und uns all das auch ansehen, von dem wir durch Gott erfahren haben.“
(Der ganze Altarraum wird beleuchtet. Esel und Hirte treten näher und verneigen sich vor dem Kind.)
Und sie machten sich in aller Eile auf den Weg und fanden es genau so vor: Maria, Josef und das Baby, das in einem Futtertrog lag.

(Lied: „Ich steh an deiner Krippe hier“)

(Während dieses Liedes singen alle mit. Sepp steht aus seinem Gartenstuhl auf, kramt im Koffer, verkleidet sich als Ochse, tritt neben Frau Zeller, den Esel, hinter die Krippe und gibt ihr die Hand. Lauras Mutter kommt nach vorne und legt ihren Arm um die Schultern der Tochter. Franz hält derweil das Kind.)

Sepp Nachdem sie all das mit eigenen Augen gesehen hatten, erzählten sie alles weiter, was sie selbst über dieses kleine Kind erfahren hatten. Und alle, die es hörten, wunderten sich über die Berichte der Hirten. Maria behielt alle ihre Worte im Gedächtnis und dachte in ihrem Herzen darüber nach. Und die Hirten kehrten zurück, wobei sie Gott für alles ehrten und lobten, was sie gehört und gesehen hatten – und zwar genau so, wie es zu ihnen gesagt worden war.

(Es folgen Vaterunser, Friedensgruß, Segen und das Schlusslied „O du fröhliche“.)

Lizenz und Rechte

Lizenz. Text und Regieanweisungen: Thomas J. Weiss, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Das Stück darf aufgeführt, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange der Autor genannt wird.

Ausgenommen von dieser Lizenz ist alles, was nicht von ihm stammt:

Für eine Aufführung klärt die aufführende Gemeinde die Rechte an den Liedern und an der verwendeten Musik selbst, etwa über die GEMA oder einen Pauschalvertrag ihrer Kirche.