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Weihnachten fällt aus

Zeichnung: ein Kirchenfenster mit geöffneter Luke, davor zwei kleine Engel und ein hinausfliegendes Notenblatt

Ein musikalischer Weihnachtskrimi für Erwachsene und Kinder · uraufgeführt 2025 in der Spitalkirche Baden-Baden

Autor: Thomas J. Weiss · Nach einer Idee von Isabel Watta und Thomas J. Weiss

Jahr
2025
Dauer
knapp 1 Stunde Spiel, mit gesungener Weihnachtsgeschichte ca. 80 Minuten
Besetzung
17 Sprechrollen, dazu eine Familie und ein Chor
Fassung
6. Oktober 2026

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Worum es geht

Zwei freche Engel öffnen kurz vor Weihnachten ein Kirchenfenster. Am nächsten Morgen meldet der Kirchenvorstand einen Einbruch, die Polizei ermittelt – doch niemand weiß, was fehlt. Bald heißt es, die Noten eines unverzichtbaren Weihnachtslieds seien gestohlen worden, und Weihnachten wird abgesagt. Bei den Befragungen nennt jede und jeder ein anderes Lied, und alle singen es. Ein Krimi über Hoffnung, Erinnerung und ein Fest, das nur in der Gegenwart gefeiert werden kann.

Hinweis für andere Gemeinden: Das Stück spielt in der Spitalkirche in Baden-Baden, in der es uraufgeführt wurde. Kirche, Orte und die Namen der Gemeindemitglieder lassen sich durch eigene ersetzen, der schwäbische Ausruf im vierten Erzählteil durch einen Satz in der eigenen Mundart.

Aufbau

Das Spiel dauert knapp eine Stunde. Bei der Uraufführung folgte darauf die Weihnachtsgeschichte in einer Vertonung für Chor, die weitere etwa 20 Minuten in Anspruch nahm.

Rollen

Motto

Was können wir hoffen?
Was dürfen wir glauben?
Was sollen wir singen?

Ein Versuch einer Einordnung

Ursprünglich für die Mitwirkenden geschrieben, als Hintergrund für alle, die das Stück spielen wollen.

Je schwerer wir uns tun zu glauben, desto mehr verlegen wir uns aufs Hoffen. Vielleicht seien die Hoffnung und Gott ja eins, war im Laufe des vergangenen Jahres sogar einmal in einer Predigt zu hören. Auf der einen Seite ist daran nichts auszusetzen: Glauben heißt Suchen und der Suche nach Gott wohnt ein steter Zweifel inne. Von Dauer kann auf diesem Weg bestenfalls die Hoffnung sein – und bereits diese Annahme ist bei näherem Betrachten auch nicht mehr als ein Hoffen. Auf der anderen Seite ist die Hoffnung ein Geschäftsmodell, das derzeit wieder einmal Hochkonjunktur hat: Was heute gekauft wird, soll für ein besseres Morgen sorgen, so das omnipräsente Versprechen des Turbokapitalismus und der weiter aufstrebenden antidemokratischen Kräfte. Perfiderweise ist die Hoffnung auf eine anstehende Änderung der Weltordnung, die derzeit nicht nur die USA ins Chaos führt, von der christlichen Hoffnung auf Erlösung im Allgemeinen und insbesondere von der Offenbarung des Johannes nicht zu trennen, die das Ende der alten Welt ankündigt und den Anbruch einer neuen verheißt. Jener Text, der den ersten Christen ursprünglich Hoffnung auf ein Ende der Verfolgung durch das Römische Reich geben sollte, liefert nun willkommene Bausteine für die Strippenzieher, die im Osten wie im Westen ein Ende der Demokratie erhoffen („Die Peter Thiel Story“, DLF, Folge 6). Die Verbindung zwischen weltlicher Macht, religiöser Macht, Unterdrückung der Massen und Hoffnung auf Erlösung ist eine Kombination, die in der Geschichte derart gut funktioniert hat, dass sie offenbar immer noch zu Allmachtsphantasien taugt. Das Geschäft mit der Hoffnung boomt. Ohne Hoffnung können wir nicht glauben, das ist unbestritten. Aber auch ihr muss mit der nötigen Wachsamkeit begegnet werden und manchmal mit kritischer Distanz. Während man Ostern als Fest der Hoffnung verstehen könnte und Pfingsten als Fest des Mutes zum Aufbruch, bietet sich Weihnachten als Fest des Innehaltens, des Verbleibens im Moment und des Gottvertrauens an, wider jedes projizierende Hoffen. Christus wird geboren, Jahr für Jahr erneut, und es wird wieder Weihnachten – das ist so sicher wie das Amen in der Kirch’. In der Nacht von Heiligabend auf den ersten Weihnachtstag sind wir eingeladen, einen Moment zu feiern, in dem Vergangenheit wie Zukunft in der Gegenwart unmittelbar präsent sind und die Lieder unserer Kindheit zu den Liedern unserer Kinder werden. Wenn „Stille Nacht“ laut ertönt, dann meint die darin besungene Stille vielleicht auch die kurze Absenz jeglicher eschatologischen Hoffnung. Bis der letzte Ton verklungen ist, bedarf es unserer Zuversicht gar nicht, denn so lange ist Christ, der Retter, für den Moment bereits wahrhaftig da. „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben; und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst.“ (Jesaja 9,5, Schlachter 2000) In seinem Frieden dürfen wir den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und lauthals singen. Und endlich mal zufrieden sein.

Vor der Kirche, vor der Aufführung

(Seitlich des Kirchentors sind in schneller Abfolge aneinandergeschnittene Szenen von KI-generierten Videos zu sehen, die mittels eines Beamers an die Außenwand geworfen werden. Sie zeigen verschiedene Personen, die sich jeweils direkt an die Zuschauer*innen wenden und diese offensichtlich von etwas überzeugen wollen: vielleicht vom Kauf eines Produktes, das endlich Hoffnung verspricht; vielleicht von der Überlegenheit einer künstlichen Intelligenz, die bereits heute die Zukunft ist; vielleicht von einem baldigen Systemwechsel, der kommenden Wiederkunft des Glücks oder der einzigen Perspektive der Menschheit – im All … Diese Szenen laufen in Dauerschleife in aller Stille ab. Sobald die Besucher*innen durch das Tor in die Kirche treten, ist der Spuk vorbei. Die Videos der Uraufführung liegen nicht bei; jede Gemeinde stellt eigene zusammen.)

Erster Erzählteil

(Der Erzähler betritt die Kirche durch das Hauptportal. Er läuft durch den Hauptgang und wendet sich an die Besucher*innen links und rechts, bevor er sich in seinen gemütlichen Sessel setzt und zu lesen beginnt.)

Erzähler (während er an seinen Platz schreitet)
Habt ihr euch bereits einmal überlegt, ob man Lärm sehen kann? Gerade eben, beim Hereinkommen in die Kirche, kam es mir beinahe so vor. Ich konnte die Bilder rufen sehen, flüstern und brüllen sehen, mir schmeicheln, mir drohen, mich locken. Du sollst, riefen sie, du sollst unbedingt noch etwas erfahren! Du müsstest deine Wahl längst getroffen haben! Erledige das sofort, die Uhr tickt! Du kannst nur beten, dass es noch nicht zu spät ist! Und dann ganz laut: Du kannst nur hoffen, dass morgen alles besser wird! Es wurde derart laut, ich musste meinen Blick abwenden. Dann habe ich das Posten und Liken, das Posen und Tosen hinter mir gelassen und diese Kirche betreten, am Vorabend dieser ganz besonderen Nacht. Einige von euch waren bereits da, freudig raunend, murmelnd, brummelnd. Kinder haben gelacht. Und doch herrscht hier friedvolle Stille.
(setzt sich)
Willkommen, ihr Kleinen, ihr Großen. Ihr leise Hereingerieselten.
(führt den Zeigefinger zu den Lippen)
Pssssst … Weihnachten fällt aus!
(führt den Zeigefinger erneut zu den Lippen)
Pssssst … Und ihr seid trotzdem gekommen, weil ihr hofft, dass das Fest noch zu retten sei?
(schlägt sein großes Buch auf)
Hofft nicht.
Aber glauben dürft ihr. Und werft vielleicht einen Blick auf die Kanzel! Denn dort waren vor nicht allzu langer Zeit noch zwei Unruhestifter am Werk, die ihre Idee, wie das Fest noch zu retten sei, sogleich in die Tat umgesetzt haben.
(schlägt den Gong)

Erster Akt: Die Engel fassen einen Plan

(Engel 1 und Engel 2, beide barock: klein, golden, frech, erscheinen auf der Kanzel. Sie sprechen in der leeren Kirche über eine drohende Katastrophe.)

Engel 1 Jetzt mach doch nicht schon wieder so ein Gesicht, Engelchen!

Engel 2 Was für ein Gesicht mach’ ich denn?

Engel 1 So ein verkrampftes Ich-hab-die-himmlischen-Hosen-voll-Gesicht.

Engel 2 So ein Gesicht gibt’s doch gar nicht!

Engel 1 Und ob es das gibt! Ich hab’ es doch eben noch an dir gesehen, als ich die Kanzel heraufgeschwebt bin. Oder war das vielleicht doch dein Popo?

Engel 2 Pfui!

Engel 1 Oh ja, pfui! Aber sowas von pfui! Ein pfui-dulle englischer Hintern war das, das kann ich euch sagen!

Engel 2 Jetzt hör endlich auf! Das heißt Engels-Hintern und nicht englischer Hintern und außerdem war das gar nicht mein Popo, das war mein Gesicht …

Engel 1 Ha! Hab’ ich dich erwischt! Ich habe es doch gleich gewusst, dass du so ein Gesicht gemacht hast! Aber warum? Warum so ein Pfui-Dulle-Gesicht? Geht’s dir nicht gut? Hast du Sorgen?

Engel 2 Zum ersten Mal seit vielen Jahren fürchte ich, dass Weihnachten in Gefahr ist!

Engel 1 (ernsthaft erschrocken)
Oooooh. Du meinst, weil es inzwischen bis hier hineinreicht, das ständige Rufen, das Flüstern und Brüllen, das Schmeicheln, Drohen und Locken?
Du könntest recht haben: Das Geschäft mit der Hoffnung läuft mal wieder auf Hochtouren. Und es funktioniert: Immer mehr Menschen hoffen derzeit nur noch verkrampft auf ein besseres Morgen und malen sich nörgelnd die Zukunft aus. Mit allem, was ist, sind sie im Moment unzufrieden.

Engel 2 Was ist denn das, dieses Geschäft mit der Hoffnung?

Engel 1 Ich fürchte: akute Eschatologitis. Und das kann sich zu einer gefährlichen Pandemie auswachsen!

Engel 2 An was merkt man das?

Engel 1 Sind denn die Menschen der Überzeugung, man müsse das Glück von morgen heute schon kaufen?

Engel 2 Ja, schon …

Engel 1 Autsch. Sind auch die, denen es eigentlich gut geht, der Überzeugung, es gehe ihnen zunehmend schlecht?

Engel 2 Ja, auch das.

Engel 1 Autsch. Hat der Pfarrer im vergangenen Jahr beim Predigen häufiger das Wort „Jammertal“ benutzt?

Engel 2 Nein, das nicht, zumindest nicht in dieser Kirche.

Engel 1 … aber das Wort „Hoffnung“, kam das vielleicht besonders oft vor?

Engel 2 Ja!

Engel 1 Autsch. Und, die letzte Frage: Häufen sich die Stimmen, die die alte Welt abreißen wollen und von einer neuen Ordnung plappern?

Engel 2 Davon gibt es immer mehr!

Engel 1 Endzeit-Gelaber! Autsch. Pfui-Dulle-Autsch aber auch! Eschatologitis, ich hab’s doch gesagt. Und du hast natürlich recht: Mit dem Kopf in grauen Wolken lässt sich wahrlich kein Fest feiern und das Weihnachtsfest erst recht nicht. Da müssen wir helfen, dafür sind wir doch hier.

Engel 2 Du willst gar nicht wissen, was für ein Gesicht du auf einmal machst … Was können wir tun?

Engel 1 Ich überlege ja schon, ich überlege ja schon … Etwas Kleines müsste es sein, kaum mehr als der Flügelschlag eines Engels.
(kratzt sich nachdenklich und hat dann plötzlich einen Einfall)
Und ich weiß auch schon, was! Wir öffnen ein Fenster!

Engel 2 Ein Fenster? Nicht wie üblich Tür hoch und Tore weit?

Engel 1 Richtig, nur ein Fenster. Ein klitzekleines Fensterchen sogar. Du würdest dich wundern, was durch so ein kleines Fenster alles hereindringen kann: Musik beispielsweise, ein guter Geist, der Klang eines Liedes, eine Erinnerung, ein Aufbruch …

Engel 2 Du sprichst in Rätseln.

Engel 1 In Mysterien spreche ich, mein Engelchen, nicht in Rätseln. In weihnachtlichen Mysterien nämlich. Du wirst schon sehen. Und jetzt sieh her, da hinten geschieht es!
(Mit einer Handbewegung des Engels öffnet sich eine kleine Luke im Fenster über dem Hochaltar.)
Das war bereits der ganze Streich. Lassen wir das Spiel beginnen!

Zweiter Erzählteil

Erzähler (zeigt auf das nun geöffnete Fenster)
Und das Spiel begann. Man kann sich kaum ausdenken, was solch ein geöffnetes Kirchenfenster alles auslösen kann. Doch es führte im Nu zu Konsequenzen, die sich nur die frechsten aller alt-katholischen Weihnachtsengel ausdenken können. Als sich nämlich am nächsten Morgen ein Kirchenvorstand nach der vehementen Beschwerde einer empörten Kirchenbesucherin über ein flackerndes Licht mal wieder am Schaltschrank neben der Sakristei zu schaffen machte, hielt er den kalten Luftzug im Nacken zunächst noch für Einbildung. Erst als er die eine Sicherung umlegte, prüfend ins Kirchenschiff blickte, und alsbald die nächste, wurde ihm klar, dass diese Kälte mitnichten ein falscher Eindruck war. Er fror! Endlich erblickte er das geöffnete Kirchenfenster – und nun lief ihm erst recht ein kalter Schauer über den Rücken. Denn ein versehentlich geöffnetes Fenster war zu dieser Jahreszeit äußerst unwahrscheinlich.

Stimme aus dem Off Wer lüftet denn im Dezember dieses ohnehin immer zu kalte Gemäuer?

Erzähler Und so rief der Kirchenvorstand telefonisch einige Vorständinnen und Vorstände zu Rate. Niemand konnte sich das geöffnete Fenster erklären. Eine Person war sich sogar ganz sicher, dass sie die Kirche am Vorabend bei allseits geschlossenen Fenstern verlassen habe, und dass ein offenes Fenster mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit auf einen Einbruch hinweise. Und so tätigte ein inzwischen völlig durchgefrorener, aber auch zunehmend verzweifelter Kirchenvorstand an jenem Dezembermorgen seinen fünften und letzten Anruf in einer eisig kalten Spitalkirche: Er wählte die 110 und holte die Polizei.
(Der Gong ertönt.)

Zweiter Akt: Ein Einbruch ohne Spuren

(Ein Team aus Kriminalmeister in Uniform, Kriminaloberkommissarin und Kriminalkommissar, beide in Zivil, aber doch deutlich als Ermittler*innen erkennbar, untersucht einen Einbruch in der Spitalkirche. Ein Fenster wurde geöffnet, es finden sich verdächtige Spuren, der Tatort wird abgesperrt. Bislang ist nicht klar, was gestohlen wurde, doch mehrere Gemeindemitglieder sind sich sicher, dass etwas fehlt. Die Namen der Gemeindemitglieder in diesem Stück sind erfunden; spielende Gemeinden können eigene einsetzen.)

Kriminalmeister Treten Sie bitte zur Seite!
(bläst in seine Trillerpfeife)
Können Sie mich bitte mal durchlassen?
(zum Publikum)
Danke, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind. Wir sind dringend auf Zeuginnen und Zeugen angewiesen. Ja, Sie kommen alle noch dran! Ich möchte doch um etwas Geduld bitten. Wir werden zunächst die Herrschaften zu meiner Rechten befragen, danach kommen die zu meiner Linken dran. Eine nach der anderen bitte. Im Moment ist der Tatort noch gesperrt, die Spurensicherung muss ihn erst freigeben.
(bläst erneut in seine Trillerpfeife)
Ich möchte doch um etwas Geduld bitten!
Ja, Verehrteste, Sie werden dann aufgerufen. Und Sie reißen sich bitte zusammen, ja?
(erreicht den Altarraum, klettert über ein Absperrband und begibt sich zu den Kommissar*innen, die emsig den vermeintlichen Tatort untersuchen)

Kriminaloberkommissarin (zum Kriminalkommissar)
Schau dir das an! Keinerlei Spuren.

Kriminalmeister (versucht, sich ins Gespräch zu drängen)
Nichts? Gar nichts? Das ist aber äußerst merkwürdig!

Kriminalkommissar (schaut kurz mit hochgezogenen Augenbrauen zum Kriminalmeister, dann wieder zur Kriminaloberkommissarin gewandt)
Richtig. Und weißt du, was genauso merkwürdig ist? Da vorne sitzen vier Gemeindemitglieder. Alle mit unterschiedlichen Funktionen.

Kriminalmeister Ja, das sind die Herrschaften Brandt und Bender, Dreher und Dengler, ich habe die Personalien schon aufgenommen.

Kriminalkommissar Das scheint mir eine recht umtriebige Truppe zu sein … An Engagement scheint es jedenfalls nicht zu fehlen. Und alle vier sind felsenfest überzeugt, dass etwas gestohlen wurde. Aber keiner von den vieren kann sagen, was! So etwas habe ich noch nie erlebt.

Kriminaloberkommissarin Ich auch nicht, Kollege. Es gibt wirklich gar keine Spuren … Vielleicht hat jemand das Fenster im Vorfeld geöffnet. Herr Dreher hat die Kirche gestern Abend abgeschlossen. Er ist sich sicher, dass dabei kein Fenster offen stand … Aber stimmt das? Wahrscheinlich hätte er es wirklich merken müssen, wenn er sich zum Altar hin verneigt oder das Knie gebeugt hat, bevor er die Kirche verlassen hat. Sowas tun die doch, oder?

Kriminalkommissar Ich bin mir nicht sicher, das sind keine normalen Katholiken. Aber frag ja diesen Dengler nicht, was Alt-Katholiken sind, der hört gar nicht mehr auf zu reden …

Kriminaloberkommissarin In Ordnung. Wer von beiden hat uns denn angerufen?

Kriminalkommissar Der bleiche, der Brandt. Der ist schweigsamer und wirkt regelrecht erschüttert – oder er tut so …

Kriminaloberkommissarin Das werden wir schon noch herausfinden, glaub mir. Jedenfalls sind über Nacht eine oder mehrere Täter*innen zum Fenster rein, haben keine Spuren hinterlassen und nichts gestohlen, von dem jemand weiß, was? Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Wenn ich nur wüsste, was … Meinst du, die wollen uns an der Nase herumführen?

Kriminalkommissar Aber aus welchem Grund sollten sie das tun? Ein Versicherungsbetrug kann es kaum sein. Es wurde weder etwas beschädigt, noch weiß bislang jemand, was fehlt.

Kriminaloberkommissarin (wendet sich endlich dem Kriminalmeister zu)
Schicken Sie die vier nach Hause. Und dann bestellen Sie bitte alle, die irgendeine Ahnung haben, was hier fehlen könnte, für Montagmorgen zur Befragung ein. Und zwar direkt hier in die Kirche.

Kriminalmeister Jawohl, Frau Oberkommissarin. Das ist eine gute Idee. Vielleicht fällt doch jemandem etwas auf, was hier im Argen liegt.
So, jetzt lassen Sie mich bitte mal durch.
(bläst in seine Trillerpfeife)
Ah, die Herren Dreher und Dengler. Herr Dengler, Sie kommen bitte am Montag früh um neun Uhr wieder hierher zur Befragung.

Stimme aus dem Off Geht das auch früher?

Kriminalmeister Nein, früher geht nicht, die Frau Kriminaloberkommissarin schläft selten gut bei schwierigen Fällen. Herr Dreher, bei Ihnen wird es dann neun Uhr dreißig.

Stimme aus dem Off Einverstanden.

Kriminalmeister (zeigt links ins Publikum)
So, Sie bitte um zehn.
(rechts)
Ja, bei Ihnen wird es zehn Uhr dreißig.
(links)
Gut, Sie dann um elf.
(rechts)
Halb zwölf, jawoll.
(links)
Nein, um 12:00 macht die Frau Oberkommissarin Mittag, bei Ihnen rufe ich nochmals an.
(bläst ein letztes Mal in seine Trillerpfeife)
Und jetzt raus, alle!
(gestikuliert mit den Händen und winkt alle hinaus; die Tür fällt zu)

Dritter Erzählteil

Erzähler Am folgenden Adventssonntag war die Heilige Messe sehr gut besucht, besser noch als sonst im Dezember. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass sich ein mysteriöser Einbruch ereignet hatte – und dass bislang noch immer nicht klar war, was eigentlich fehlte. Und so wurden bereits vor dem Gottesdienst von vielerlei Händen vielerlei Schränke geöffnet und inspiziert, Nasen in alle erdenklichen Winkel gesteckt und Sylvia bestand gar darauf, jeden Ton jedes Registers einmal kurz anzuspielen, nur um sicherzugehen, dass auch ja keine Orgelpfeife entwendet worden sei. Doch die Suche nach dem verlorenen Schatz blieb vergebens: Den vermeintlich abhandengekommenen Schlüssel zum Kaffeeschrank hatte doch nur Dirk versehentlich eingesteckt, die alten Krippenfiguren fanden sich im Glockenturm wieder und die zerrissenen Liederbücher hatte Katja bereits im letzten Sommer entsorgt, nachdem neue angeschafft worden waren. Erst nach dem Gottesdienst kam einer der Ministrantinnen eine Idee, die sich alsbald wie ein Lauffeuer verbreiten sollte.
(Der Gong ertönt.)

Dritter Akt: Weihnachten wird abgesagt

(Montagmorgen: In der Kirche haben sich zahlreiche Zeuginnen und Zeugen eingefunden, aus allen Richtungen kommend, um der Polizei möglichst sachdienliche Hinweise zu geben. Noch immer weiß niemand, was entwendet worden sein könnte. Doch im Gespräch äußert eine Ministrantin gegenüber dem Mesner einen Verdacht, der auch andere zu überzeugen scheint: Es könnten die Noten für das Weihnachtslied gestohlen worden sein, das bereits in den letzten drei Jahren nicht mehr gesungen wurde, zum großen Ärger der Gemeinde. Doch überraschenderweise kann sich auf einmal niemand mehr daran erinnern, welches Lied das gewesen sein soll.)

Ministrantin Du, ich glaube, ich weiß, was fehlt.

Mesner Dann sag es doch, Kind, dann sag es! Ich bin schon ganz hibbelig, weil mir einfach nicht einfallen will, was es ist.

Ministrantin Ich doch auch, und noch immer. Denn ganz so richtig weiß ich es noch nicht. Aber einen Verdacht habe ich!
(geht mit dem Mesner die Treppe hoch)
Willst du ihn hören? Auch wenn er seltsam klingt?

Mesner Raus damit!

Ministrantin Erinnerst du dich noch an die Weihnachtsspiele der letzten drei Jahre?

Mesner Im Großen und Ganzen. Aber auf was willst du hinaus?

Ministrantin Auf dieses Lied! Das an Heiligabend nicht gespielt wurde und manchen so sehr gefehlt hatte. So sehr, dass eine Mutter sogar gedroht hat, am Weihnachtsabend nicht in die Kirche zu kommen, wenn es nicht doch gespielt wird.

Mesner Autsch! Das habe ich gar nicht mitbekommen. Und wurde es denn gespielt?

Ministrantin Eben nicht! Aber dieses Jahr sollte es unbedingt wieder gespielt werden. Allen ist nämlich klar geworden, wie wichtig es manchen Menschen ist. Wenn mir nur einfallen würde, was das für ein Lied war …

Mesner Das haben wir gleich. Ich weiß genau, dass Isabel in der Sakristei einen Ordner mit den Noten deponiert hat. Moment, ich hol ihn gleich.
(verschwindet kurz und kommt mit einem Ordner zurück, den er kopfschüttelnd herunterhängen lässt)
Das darf nicht wahr sein! Ich fürchte, du hattest recht. Der Ordner ist leer. Es ist wohl wirklich das, was fehlt! Moment, ich muss kurz telefonieren!
(zieht ein Handy aus der Hosentasche und hält es ans Ohr)
Ja, ich bin’s. Ich fürchte, Weihnachten muss ausfallen! Nein, natürlich nicht! Ganz ernst meine ich das. Warum? Wie warum? Weil das Lied fehlt! Das Lied, ohne das es nicht Weihnachten wird. Nein, ich weiß eben nicht, welches Lied, es fehlt ja! So wie alle anderen übrigens auch. Ja, rede mit den anderen. Schreibt es ins Internet. Und dann druckt ein Plakat: „Weihnachten fällt aus!“ Vielleicht kommen dann ein paar noch in anderen Gemeinden unter …

Kriminalmeister (erscheint und winkt den Mesner herbei)
Wenn Sie bitte vorkommen mögen …

Mesner (zum Publikum)
Ein Wahnsinn ist das!
(zur Ministrantin)
Ich muss zur Befragung. Danke, du hast uns wirklich geholfen.
(zum Kriminalmeister)
Und Sie fangen ja nicht wieder an hier herumzupfeifen! Ich komme schon!
(wird vom Kriminalmeister durch die Absperrung geführt)

Vierter Erzählteil

Erzähler Und so wurde das Weihnachtsfest in der Spitalkirche abgesagt und die vorweihnachtliche Befragung der Kirchenmitglieder nahm ihren Lauf. Einige unter ihnen schienen sich bald einig zu sein, dass eine gewisse Frau Isabel Weller die Einbrecherin sein müsse. Sie sei es schließlich, die sich bereits in den letzten Jahren – und sogar mehrfach – beharrlich geweigert habe, an Heiligabend das Lieblingslied einiger Leute hier zu spielen. In diesem Jahr hätte sie es aufgrund der aufgekommenen Empörung endlich ins Repertoire aufnehmen müssen – und da sei es doch nur logisch, dass diese hinterlistige Person die Noten und jeden Hinweis auf das Lied habe verschwinden lassen. Klein genug, um durch das offene Kirchenfenster zu kriechen, sei sie allemal. Als Kirchenvorstand Dengler von diesem Unsinn hörte, rief er die Urheber*innen dieser Verschwörung umgehend einzeln an und las ihnen die schwäbischen Leviten.

Stimme aus dem Off Was fellt eich ei, Saubloadra, boshafte …!

Erzähler Gleichzeitig begann aber der Samen zu keimen, den die Engel gesät hatten. Ganz langsam nur, wie so ein Samen eben keimt. Wie geduldig und konzentriert ihr ihm dabei auch zusehen mögt, ihr werdet niemals eine Bewegung erkennen. Erst wenn ihr wiederkommt, wenn ihr euch vor Augen führt, in welchem Zustand alles bei eurer letzten Beobachtung noch war, wenn ihr den Augenblick in Relation zur Vergangenheit setzt, erst dann begreift ihr die rasende Entwicklung. Und der Sprössling wuchs. Die Gemeindemitglieder fingen an, in ihrer Erinnerung nach dem Lied zu suchen, das verschwunden sein könnte. Nach jenem Lied, ohne das es für sie nicht Weihnachten werden würde. Einige wurden sogar fündig. Doch einig, so mussten die Kommissar*innen bald feststellen, einig wurden sie sich nicht.
(Der Gong ertönt.)

Vierter Akt: 1. Befragung – Leise rieselt der Schnee

(Wir sehen einen ersten Ausschnitt aus den Befragungen der Gemeindemitglieder in einer Szenerie, die an ein Verhör erinnert. Die beiden Kommissar*innen sitzen jeweils einer oder mehreren Personen gegenüber, zunächst Hubert.)

Kriminalmeister (ruft einzeln Zeuginnen und Zeugen aus dem Publikum zur Befragung; er bläst immer wieder in seine Pfeife)
Ist denn der Herr Dreher schon da? Herr Dreher?
(zeigt mit dem Finger auf einen Herrn)
Sind Sie Herr Dreher? Nein? Wie heißen Sie denn?
(notiert etwas in sein Notizbuch)
Gut, Hubert also. Einfach nur Hubert. Wenn Sie bitte mitkommen mögen.
(lässt den Zeugen in den Verhörraum eintreten)

Kriminaloberkommissarin (richtet die Lampe aus wie bei einem Verhör)
Aha, Sie sind also …

Kriminalmeister Der Hubert ist das! Einfach nur Hubert.

Kriminalkommissar (etwas genervt)
Ja, ist gut, Herr Kriminalmeister. Wir würden nun gerne mit der Befragung fortfahren. Vielleicht schauen Sie draußen, ob bereits weitere Zeug*innen eingetroffen sind!

Kriminalmeister Aber klar doch, Herr Oberkommissar, Frau Hauptkommissarin, ich schau draußen mal nach dem Rechten. Habe die Ehre!
(geht unters Publikum)

Kriminaloberkommissarin Sie sind also der Hubert. Gemeindemitglied, nehme ich an?

Hubert Richtig, bereits seit einigen Jahrzehnten.

Kriminaloberkommissarin Wir gehen, das haben Sie inzwischen wahrscheinlich gehört, davon aus, dass aus der Sakristei wichtige Liednoten entwendet wurden. Das Problem ist: Wir kennen weder das Motiv, noch wissen wir, um welche Noten genau es sich handelt. Können Sie sich vorstellen, warum jemand kurz vor Weihnachten in eine Kirche einbricht und Noten klaut?

Hubert Also das jetzt nicht wirklich.

Kriminaloberkommissarin Aber Sie haben eine Ahnung, was gestohlen worden sein könnte.

Hubert Ich weiß halt, ohne welches Lied es für mich nicht Weihnachten wird.

Kriminaloberkommissarin Und das ist?

Hubert „Leise rieselt der Schnee.“ Das erinnert mich an meine Kindheit, als es noch weiße Weihnachten gab. Es ist ruhig und fröhlich zugleich. Für mich ist das das wichtigste Weihnachtslied, das wertvollste, ohne das es nicht Weihnachten werden würde.

Kriminaloberkommissarin Aber ist das denn überhaupt ein Kirchenlied?

Hubert Muss es das denn sein, Frau Kommissarin?

Kriminaloberkommissarin Nun, vielleicht nicht. Sie haben recht.

Kriminalkommissar Es tut mir leid, mir sagt das alles nichts. Könnten Sie es denn mal anspielen, dieses Lied?

Hubert Können könnt’ ich schon.

Kriminalkommissar Dann würd’ ich Sie doch freundlich bitten …

Hubert Hätten Sie vielleicht meine Gitarre?

Kriminaloberkommissarin Herr Kriminalmeister, seine Gitarre!

Kriminalmeister (bringt sie)
Bitte schön, Herr Hubert, einfach Hubert.

Kriminaloberkommissarin Und jetzt ganz still!

Hubert (spielt und singt „Leise rieselt der Schnee“; Text und Melodie: Eduard Ebel, 1895)

Fünfter Akt: Beim Warten – In der Weihnachtsbäckerei

(Jugendliche 1 und Jugendliche 2 warten darauf, als Zeuginnen aufgerufen zu werden, und unterhalten sich über ein Lied, das ganz sicher nicht aus der Kirche gestohlen wurde. Das Gespräch weckt wertvolle Erinnerungen. Die junge Erwachsene kommt hinzu und fordert sie auf zu singen.)

Jugendliche 1 (wartet mit Jugendliche 2, bis die beiden befragt werden; sie schauen sich ungeduldig nach dem Kriminalmeister um, doch er ist noch nicht zu sehen)
Das zieht sich echt ewig hier. Und dann singen auch noch alle. Das ist doch lächerlich, zu was soll denn das führen …

Jugendliche 2 Zu gar nichts, die sind doch bescheuert. Die werden sich doch im Leben nicht einig, was für ein Lied abhandengekommen ist.

Jugendliche 1 (feixend)
Aber ich weiß zumindest ganz sicher, welches Lied es nicht ist. Ich geb’ dir einen Tipp: Mein erster Artist-Crush.

Jugendliche 2 (hibbelig, grübelnd)
„Last Christmas“ vielleicht? Ich weiß aber gar nicht, wer das singt …

Jugendliche 1 Ich auch nicht, ehrlich. Nein! Kalt, gaaaanz kalt.

Jugendliche 2 Mariah Carey?

Jugendliche 1 (laut lachend)
Wer soll das denn sein? Die Schwester von dem, der den Grinch spielt, oder was?

Jugendliche 2 Jetzt sag schon, ich komm’ nicht drauf …

Jugendliche 1 Na, Rolf Zuckowski natürlich.

Jugendliche 2 Boah, „In der Weihnachtsbäckerei“. Der erste Artist-Crush mit drei. DAS CRAZY!

Junge Erwachsene (kommt lachend dazu)
Hi, ihr beiden. Alles klar? Wisst ihr was? Das war bei mir genauso!
Wir haben das Lied immer zum Plätzchenbacken gehört. Sobald wir es gesungen haben, und dazu der Duft der Plätzchen, begann für mich die Weihnachtszeit. Wollen wir es singen?

Jugendliche 1 (zweifelnd)
Hier meinst du? Alter, einfach so?

Junge Erwachsene (ironisch, aber liebevoll)
Ja, for real, Alter. Einfach so.
(Die drei singen „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski. Der Liedtext ist geschützt und liegt nicht bei.)

Sechster Akt: 2. Befragung – O du fröhliche

(Nun wird eine ganze Familie befragt. Sie antwortet zunächst gemeinsam, dann kommt es zu einer kurzen Auseinandersetzung zwischen Kind 1 und Kind 2, bevor die Mutter sich erklärt und alle gemeinsam zu singen beginnen.)

Kriminalmeister So, die Nächsten bitte. Hier entlang. Und wenn Sie sich ein wenig beeilen könnten, wir haben nicht den ganzen Morgen Zeit.
(schiebt eine ganze Familie in den Verhörraum; ein Teil setzt sich, der Rest steht notgedrungen)

Kriminaloberkommissarin Herr Kriminalmeister, ist das Ihr Ernst? Alle auf einmal?

Kriminalmeister Jawohl.
Das wäre die Familie Ott und die gehören nun einmal zusammen.

Kriminalkommissar Und Sie sind sich einig, welches Lied hier fehlt?

Familie Das sind wir!

Kriminalkommissar Dann sind wir ganz Ohr!

Kind 1 Also, es heißt „O du fröhliche, o du selige, gabenbringende Weihnachtszeit“.

Kind 2 Quatsch, nicht „gabenbringende“, „gnadenbringende Weihnachtszeit“ heißt es.

Kind 1 Natürlich „gabenbringende“, das bedeutet, dass an Weihnachten die ganzen Geschenke gebracht werden.

Kriminaloberkommissarin Entschuldigt, das spielt hier nun gar keine Rolle. Uns interessiert: Warum gerade dieses Lied?

Mutter Weil es immer an Weihnachten in der Kirche gesungen wurde. Die Kirche war dunkel, Spannung lag in der Luft und dann wurden zu diesem Lied die Kerzen und Lichter am Baum angemacht. Alle, ob groß, klein, alt oder jung, haben mitgesungen und der Weihnachtsabend und die Festlichkeiten fingen damit an. Wir haben das als einen sehr bewegenden Moment in Erinnerung.

Familie (singt „O du fröhliche“)

Siebter Akt: 3. Befragung – Stille Nacht

(Thomas erzählt den drei Polizist*innen eine wahre Geschichte. Bei der Uraufführung spielte der Autor sich selbst und erzählte seine eigene Erinnerung; wer die Rolle übernimmt, kann sie mit einer eigenen Geschichte füllen.)

Thomas (kommt von hinten durch den Mittelgang und ruft)
Entschuldigung, Herr Wachtmeister …?

Kriminalmeister Kriminalmeister heißt das, wenn ich doch bitten darf …

Thomas Herr Kriminalmeister, ich hätte da auch noch eine Aussage zu machen.

Kriminalmeister Dann würde ich erst einmal Ihre Personalien aufnehmen. Name bitte …

Thomas Weiss, Thomas heiß’ ich.

Kriminalmeister Und Ihre Funktion, wenn ich bitten darf …

Thomas Hier? In der Gemeinde? Hmmm, im Moment gerade so etwas wie Geschichtenerzähler.

Kriminalmeister Aha. Ja, sieht man. So einer sind Sie also. Ihnen ist aber schon klar, dass Sie hier die Wahrheit sagen müssen? Und keine Geschichten erzählen! Und schon gar nichts erfinden!

Thomas Nun, wenn ich Sie nicht erfunden hätte, dann stünden wir beide mit größter Wahrscheinlichkeit jetzt nicht hier. Aber Ihnen das zu erklären, das würde jetzt doch den Rahmen sprengen. Wenn Sie mich also bitte zur Befragung führen würden. Gehen wir!
(steigt selbst über das Absperrband und setzt sich)

Kriminalkommissar Und hier hätten wir noch den Herrn Weiss.

Kriminaloberkommissarin Sagen Sie mir bitte nicht, dass auch Sie ganz genau wissen, welches Lied hier aus der Kirche gestohlen wurde …

Thomas Doch, ich nehme an, ich weiß es.

Kriminaloberkommissarin Sie wären damit bereits der Neunte. Und wahrscheinlich wäre es auch das neunte Lied, das hier genannt wird – das ist doch völlig verrückt. Ihre Gemeinde scheint die größte Freude an dieser Suche zu entwickeln – aber wir kommen hier mit unseren Ermittlungen kein bisschen weiter.

Kriminalkommissar Also welches Lied ist denn Ihrer Meinung nach abhandengekommen?

Thomas Stille Nacht.

Kriminaloberkommissarin Und Sie können sich an Text und Melodie erinnern?

Thomas Nicht so recht. Es scheint mir so vieles ungewiss in letzter Zeit. Aber ich weiß, dass wir es bis letzte Weihnachten immer zuhause gesungen haben – mit der Oma am Klavier. Das weiß ich ganz sicher, die Oma ist im Frühjahr mit 99 Jahren verstorben. Wo sollen wir es nun singen, wenn nicht hier?

Kriminaloberkommissarin Aber das ist doch nicht mein Problem! Ich habe hier einen Einbruch zu untersuchen, verstehen Sie das nicht?

Thomas Natürlich verstehe ich das, aber wissen Sie, da gab es diese Stelle, an der mein Vater jedes Jahr vor Lachen losprustete. Alle warteten heimlich auf diesen Moment – wir Kinder mit freudiger Spannung, die Mutter etwas pikiert. Mein Bruder hat irgendwann sogar begonnen, anstatt „Oh wie lacht“ „Omi lacht“ zu singen. Selbst die Oma musste ihr Spiel unterbrechen, bevor wir dann möglichst diszipliniert, aber weiterhin mit Tränen vor Lachen in den Augen, die ganze Strophe von vorne beginnen mussten.

Kriminaloberkommissarin Und wegen dieser persönlichen Geschichte, meinen Sie, erinnern Sie sich besser an dieses Lied als andere?

Thomas Ja, das glaube ich. Weil Weihnachten doch das Fest der Sehnsucht ist, die für einen Moment erfüllt wird, wenn vielleicht auch nur in einem Lied.

Kriminaloberkommissarin Nun, vielleicht kann ich wenigstens in dieser Angelegenheit helfen … Herr Kriminalmeister?

Kriminalmeister Zu Diensten, Frau Kriminaloberkommissarin.
(bekommt von ihr etwas ins Ohr geflüstert und macht sich daraufhin in Richtung Klavier oder Orgel auf; das Lied beginnt)

Kriminaloberkommissarin (singt „Stille Nacht“; Text: Joseph Mohr, Melodie: Franz Xaver Gruber)

Achter Akt: Die Aufklärung eines nicht begangenen Verbrechens

(Auf die teilweise Aufklärung der Tat durch die Polizist*innen hin überlegen der Mesner und Thomas, wie es nun weitergehen soll. Der Erzähler ordnet das Geschehene ein, die Engel zeigen sich wieder und leiten zum Weihnachtsevangelium über.)

Kriminaloberkommissarin (schaut eine ganze Weile nachdenklich in die Ferne und noch einmal auf das geöffnete Fenster, kratzt sich an der Stirn, lächelt dann)
Ich glaube, ich hab’s!

Kriminalkommissar Herr Kriminalmeister, können Sie bitte umgehend die wichtigsten Zeug*innen und Verdächtigen versammeln?

Kriminalmeister Sicher, Herr Kriminalkommissar. Wir hätten da den Mesner und die Ministrantin, die die Idee vom Diebstahl eines Weihnachtslieds erst in die Welt gesetzt haben. Dann die Frau Weller, die einige Gemeindemitglieder verdächtigt haben. Den singenden Hubert, die backenden Jugendlichen, die fröhliche Familie Ott und den erzählenden Herrn Weiss.
(Alle begeben sich in den Verhörraum, in dem die Kriminaloberkommissarin im Hintergrund noch einmal die Spuren untersucht.)

Kriminaloberkommissarin (tritt nun vor die versammelte Gruppe)
Meine Damen und Herren, hier wurde uns am vergangenen Samstag ein Einbruch gemeldet, der meine Kollegen und mich seitdem fast zur Verzweiflung geführt hat. Herr Kriminalkommissar?

Kriminalkommissar (schaut in sein Notizbuch)
Wir haben ein offenbar von innen geöffnetes Fenster vorgefunden, aber keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung. Wir konnten keine Fingerabdrücke sichern und haben auch keine weiteren Spuren sichergestellt. Die befragten Gemeindemitglieder waren sich dennoch fast durchweg einig, dass es zu einem Diebstahl gekommen sei. Vermutet wurde, dass für das Weihnachtsfest dringend benötigte Liednoten und -texte aus einem in der Sakristei befindlichen Ordner entwendet worden seien. Die Sakristei war bei unserem Eintreffen allerdings abgeschlossen, ein durch das geöffnete Fenster eingedrungener Dieb hätte auf den besagten Ordner gar keinen Zugriff gehabt.

Kriminaloberkommissarin Richtig. Außerdem konnte uns niemand von den befragten Zeug*innen sagen, was sich denn in diesem Ordner befunden haben könnte. Die Noten eines unverzichtbaren Liedes, meinten zwar fast alle unisono – aber fast jede befragte Person nannte bei näherer Befragung ein unterschiedliches Lied. Ich komme zum Schluss, meine Damen und Herren: Es ist nichts, aber auch rein gar nichts aus jenem Ordner und auch nichts aus der Sakristei dieser Kirche entwendet worden. Ich bin mir sogar sicher: Es gab gar keinen Einbruch in dieser Kirche.
(längeres betretenes Schweigen)

Mesner (meldet sich per Handzeichen und wird von der Kriminaloberkommissarin mit einem Nicken gebeten zu sprechen)
Aber was ist mit dem geöffneten Fenster?
(Von der Kanzel ist ein Kichern zu hören, die Engel bleiben aber noch unsichtbar.)

Kriminaloberkommissarin Das, in der Tat, bleibt eine ungelöste Frage. Sicher ist: Das Fenster wurde mutwillig geöffnet.
(erneutes Kichern von der Kanzel)
Ich würde sagen: Es wurde mit der Absicht geöffnet, in der Gemeinde etwas zu bewirken, was, so vermute ich, auf beeindruckende Weise gelungen ist. Ich habe durchaus einen Verdacht, was das Motiv hinter dieser Tat sein könnte, die uns alle derart hinters Licht geführt hat, aber das ist nicht mehr meine Zuständigkeit, meine Damen, meine Herren. Es ist hier nichts entwendet worden, wir stellen unsere Ermittlungen umgehend ein.

Mesner Da stellt sich aber doch die Frage, welcher ideelle Schaden durch das abgesagte Weihnachtsfest entstanden ist.

Thomas Ich glaube, auch den gibt es nicht, ihr Lieben, wir sind doch alle hier. Und die liebsten Weihnachtslieder einiger Gemeindemitglieder haben wir sogar bereits gesungen.
Wir wissen alle, was jetzt noch zu einem gelungenen Weihnachtsfest fehlt: die Weihnachtsgeschichte.
Vor vielen Jahren hat Isabels Vater an einem Heiligabend als Solist das Evangelium in der Version von Max Drischner aufgeführt – an der Schule, an der er Lehrer war und sie als Schülerin im Schulchor; das ist ihre eigene ganz besondere Erinnerung. Sie würde das Evangelium deshalb heute gerne mit ihrem kleinen Projektchor singen, darf sie sich das wünschen? Denn darum geht es heute doch: Weihnachten ist wie die Musik selbst ein Fest der Gegenwart. So wie jeder Ton nur im Hier und Jetzt erklingt und jedes Fest im Hier und Jetzt gefeiert werden muss.

Erzähler (Die Engel zeigen sich und lächeln dem Publikum zu.)
Die Engel haben ein Fenster geöffnet, damit ihr zur Besinnung kommt. Denn manchmal liegt, wenn man sich einer allgemeinen Gewissheit nicht mehr sicher ist, der Trost im Ungewissen. Manchmal bedarf es einer Öffnung, damit ein Abgrund geschlossen wird. Manchmal bedarf es eines kurzen Moments des Aufbruchs in die Gegenwart und der Vergänglichkeit eines Klanges, eines Liedes, einer Melodie, damit wir uns bewusst werden, dass im Unverfügbaren oft die ergreifendste Resonanz liegt und in den bescheidensten Momenten die größte Tiefe. Manchmal bedarf es eines gelungenen Weihnachtsfests, um wieder mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen, um nicht mehr nur auf Besserung zu hoffen, sondern im Glauben zu wachsen, dass alles gut ist. Denn wenn wir immer nur hoffen, dass alles besser kommen könnte, machen wir uns in der Gegenwart verwundbar und verlieren jenen Mut und jene Freude, die wir in schwierigen Zeiten dringend brauchen.

Engel 1 Habt ihr nun endlich alles, was nicht in diese Gemeinschaft gehört, draußen gelassen? Oder durchs offene Fenster wieder nach draußen verbannt?

Engel 2 Seid ihr nun alle ganz hier? Dann, liebe Choristen, könnt ihr beginnen.

(Es folgt die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2, bei der Uraufführung gesungen in der Vertonung von Max Drischner (geschützt, nicht beigefügt). Ohne Chor kann Lk 2,1–20 auch gelesen oder eine andere Vertonung gewählt werden.)

Lizenz und Rechte

Lizenz. Text und Regieanweisungen: Thomas J. Weiss, nach einer Idee von Isabel Watta und Thomas J. Weiss, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Das Stück darf aufgeführt, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange der Autor genannt wird.

Ausgenommen von dieser Lizenz ist alles, was nicht vom Autor stammt:

Für eine Aufführung klärt die aufführende Gemeinde die Rechte an den Liedern und an der verwendeten Musik selbst, etwa über die GEMA oder einen Pauschalvertrag ihrer Kirche.