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kirchenkiste

Die Eule Loulou entdeckt Weihnachten

Zeichnung: eine Eule sitzt nachts auf einem Sims vor einem hell erleuchteten Kirchenfenster

Ein Weihnachtsspiel für Kinder und Erwachsene · uraufgeführt 2022 in der Spitalkirche Baden-Baden

Thomas J. Weiss · Katja Wagner · Angela Hagel · Daniel Saam · Isabel Watta

Jahr
2022
Dauer
ca. 1 Stunde
Besetzung
20 Rollen, davon 4 stumm; ein Teil lässt sich doppelt besetzen
Fassung
5. Oktober 2026

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Hinweis für andere Gemeinden: Das Stück spielt in Baden-Baden und endet in der Spitalkirche, in der es uraufgeführt wurde. Orte, Wege und Kirche lassen sich durch eigene ersetzen.

Kurzinfo

Die Eule Loulou möchte wissen, was es mit dem anstehenden Fest auf sich hat, auf das sich die Menschen hektisch vorbereiten. Sie trifft die Tiere und Geister des Waldes, von denen sie mehr und mehr über Weihnachten erfährt.
Ihre Spurensuche führt sie durch die Altstadt von Baden-Baden und schließlich in die Spitalkirche, wo sie Zeugin einer berührenden Darbietung wird.

Spieldauer: ca. 1 Stunde
Die Erzählteile summieren sich auf eine Erzählzeit von ungefähr 15 Minuten. Hinzu kommen 5 Szenen à jeweils 5 Minuten und 7 Lieder à jeweils 3 Minuten.

Rollen

Ablauf

(Zur Eröffnung erklingt Corellis Pastorale.)

Erster Erzählteil: Loulou erwacht

(Der Erzähler Loulou spricht stets aus dem Off. Die Kirche wird abgedunkelt, nur Kerzenlicht leuchtet noch.)

Es ist der 24. Dezember.

„Endlich“, denkt ihr vielleicht, denn ihr ahnt ja, was euch heute Abend noch erwartet, hier in der Kirche, später am Abend daheim und natürlich auch in den kommenden Tagen.

Für die Eule Loulou allerdings, die im Dachstuhl des Neuen Schlosses haust und die von Weihnachten nichts weiß, ist es bislang noch ein Tag wie jeder andere. Beinahe jedenfalls. Denn heute wird Loulou schon früh am Nachmittag aus dem Schlaf gerissen – und ihr wisst ja, dass Eulen, auch Schleiereulen, die in alten Schuppen und Häusern und sogar Schlössern wohnen, die Tage für gewöhnlich in tiefem Schlaf verbringen und das Sonnenlicht meiden.

Die Eule Loulou aber öffnet heute bereits kurz nach Mittag zunächst das eine, dann widerwillig auch das andere Auge, klappert ein wenig verärgert mit dem Schnabel, plustert sich auf und schüttelt ihre Federn. „Jahr für Jahr dasselbe“, ärgert sie sich. In der Woche vor der längsten Nacht des Jahres wird es in der Stadt meist so laut, dass an einen ruhigen Schlaf kaum mehr zu denken ist. Loulou versucht, ihren Kopf unter einen ihrer Flügel zu stecken, um so vielleicht noch eine letzte Mütze Schlaf abzubekommen. Vergebens: Ihr Hals tut ihr weh, aber leiser wird’s dadurch auch nicht.

Seit Anfang Dezember hat das Lärmen in Baden-Baden stetig zugenommen. Loulou kann das von ihrem Schlafplatz aus, hoch über der Altstadt, mit ihren empfindlichen Eulenohren deutlich hören: Die Menschen strömen zuhauf in die Stadt und drehen auf der Suche nach einem Parkplatz mit dröhnenden Autos Runde um Runde. Laut plappernd ziehen sie dann durch die Straßen und Gassen. Fast müssen sie schreien, um sich zu verstehen, denn überall ist aus Lautsprechern Musik zu hören.

„Was für eine Kakophonie“, schimpft die Eule. Zu wenig Schlaf macht sie manchmal etwas quengelig – ihr kennt das vielleicht auch …

Wenn es der Eule aber gelingt, die Dezembertage bis zum Abend durchzuschlafen, dann, ja dann kann sie den Trubel durchaus genießen: Dann fliegt Loulou im Schatten der Dämmerung von Dach zu Dach, beobachtet die Menschen, atmet am Kurhaus betörende Düfte ein und staunt am Augustaplatz darüber, wie die Menschen auf Klingen rasant übers Eis flitzen. Dann ist die Stadt in bunte Lichter getaucht, die im Nebel glitzern; auf einer der Oos-Brücken drehen sie sich sogar wie wild im Kreis zur Musik.

Warum sich die Stadt jedes Jahr im Dezember derart verändert, versteht Loulou allerdings nicht. Deshalb beschließt sie, da sie heute gewiss nicht mehr einschlafen wird, dem Lärmen und Glitzern endlich einmal auf den Grund zu gehen.

Es ist ein bedeckter Dezembernachmittag und trotzdem muss sie ihre Eulenaugen etwas zusammenkneifen, um sie vor dem Tageslicht zu schützen. Sie fliegt, im Schutz der Bäume, durch den Schlosspark, dem nahen Merkurwald zu, dann den Berg hinauf, dem Plätschern eines kleinen Baches nach und auf halber Höhe nach Süden.

Loulou findet das Hirschrudel, das sie gesucht hat, äsend unter ein paar Fichten.

(Am Ort der folgenden Szene wird die Silhouette eines Hirsches projiziert.)

Sie setzt sich ins Geäst, um ihren Freund, den weißen Hirsch, zu fragen, ob er den Grund für das Treiben der Menschen kenne.

Nachdenklich – und etwas umständlich, wie ihr euch wahrscheinlich denken könnt – kratzt sich der Hirsch mit dem Geweih am Rücken: „Loulou, ich habe vor wenigen Tagen am Rande des Wildgeheges eine Menschenfamilie beobachtet, die uns besuchen gekommen ist. Stell dir nur vor, was da geschehen ist …“

Erste Szene: Oma wird nicht kommen (Text: Katja Wagner)

(Die Projektion des Hirsches verschwindet, die Szene wird punktuell beleuchtet. Zwei Kinder stehen mit einem Erwachsenen im Wald. Das Handy des Erwachsenen klingelt.)

Papa Das ist die Oma. Louis, Max, will jemand von euch mit ihr reden?

Louis Ich will, gib mir das Handy.
(nimmt den Anruf an)
Hallo, hier ist Louis Mayer.

Oma (stets aus dem Off) Hallo Louis, hier ist Oma Gertrud. Das ist aber schön, dich mal wieder zu hören. Wie geht’s dir?

Louis Hallo Oma, mir geht es gut. Heute waren wir mit der ganzen Klasse im Theater und haben ein Märchen angesehen. Es war echt toll. Wenn du da bist, muss ich dir unbedingt mehr davon erzählen. Was macht Opa, liest er wieder Zeitung oder schaut er, was im Garten noch zu erledigen ist?

Oma Dem Opa geht es gut. Der ist gerade viel in seiner Werkstatt. Aber sag mal, kannst du mir Mama oder Papa geben?

Louis Ja, gleich. Ich freue mich echt wahnsinnig, dass wir uns am 24. sehen. Ich weiß schon, was wir alles spielen und singen können. Und es gibt leckere Plätzchen, wir können uns zusammen die Bäuche vollschlagen: alle zusammen, Mama, Papa, Max, Opa, du und ich. Endlich wieder ein richtiges Fest!

Oma (räuspert sich)
Mein Schatz, deshalb rufe ich an. Es tut mir schrecklich leid, Opa und ich werden nicht mit euch feiern können. Ich darf nicht raus, mich hat Corona erwischt, und der Opa möchte mich nicht allein lassen. Dabei haben wir uns wirklich ganz arg auf das Fest mit euch gefreut.

Louis (enttäuscht)
Manno, Oma, so ein verdammter Mist. Ich hatte mir schon alles so schön vorgestellt. Ich hatte mir ein Fest gewünscht, wie es vor Corona war. Und nun wird das schon wieder nichts. Zu einer richtigen Feier gehören wir doch alle dazu. So habe ich gar keine Lust mehr, (trotzig) wegen mir kann das blöde Fest ausfallen!

Oma Ich weiß, Louis, ich weiß doch. Aber lass uns doch zusammen feiern, wenn ich wieder gesund bin. Dann machen wir alles, was du dir überlegt hast.

Louis Nein!
(legt auf, weint)

Papa Louis, was ist denn los?

Louis Oma und Opa kommen heute Abend nicht. Oma hat Corona. Wenn die beiden nicht kommen, dann ist es kein richtiges Fest.

Max Ach, Louis, das ist wirklich schade. Ich weiß, wie sehr du dir das gewünscht hattest. Ich genauso.
Aber du darfst auch nicht zulassen, dass ein unerfüllter Wunsch alles zerstört. Wir haben doch auch noch uns, Mama, Papa, du und ich. Manchmal muss man alte Zöpfe abschneiden, damit etwas Neues entstehen kann!

Louis Ich habe aber keinen Zopf, den ich mir abschneiden kann. Da kann überhaupt nichts Neues und schon gar nichts Schönes entstehen.

Max Das sagt man doch nur so. Wenn man sich auf etwas Neues einlassen muss, das ganz anders kommt als gedacht.

Papa Ich glaube auch, dass wir zu viert ein schönes Fest feiern werden, wenn wir neben den schönen Erinnerungen etwas Platz für das Neue schaffen.
Und wisst ihr was? Ich habe Plätzchenteig vorbereitet. Lasst uns Plätzchen backen; die können wir dann, gut verpackt, Oma und Opa schicken.
Kommt, wir gehen nach Hause.

(Lied: Eingestimmt 311, „Mache dich auf und werde Licht“)

Zweiter Erzählteil: Mercurius und Sol

(Erzähler Loulou aus dem Off. Die Kirche wird abgedunkelt, nur Kerzenlicht leuchtet noch.)

Loulou hat aufmerksam zugehört. „Also feiern die Menschen dieses Fest am liebsten mit ihrer Familie“, fasst sie zusammen, „und wahrscheinlich mit anderen Menschen, die sie mögen.“

Die Eule möchte mehr über dieses Fest erfahren. Seit wann feiern es die Menschen? Mercurius, der Geist des Berges, ist so alt, dass er sich noch an Dinge erinnern könnte, die hunderte von Jahren zurückliegen. Ihn beschließt Loulou als Nächstes zu besuchen.

Als sich die Eule der Bergspitze nähert, kann sie den Geist schon von weitem hören.

(Am Ort der folgenden Szene wird die Silhouette zweier Geister projiziert.)

Tiere, müsst ihr wissen, vernehmen Geisterstimmen auch bei Tage. Für Menschenohren sind sie da nicht zu hören, oder habt ihr bei einer Wanderung auf dem Merkur vielleicht schon einmal den alten Berggeist poltern hören? Nein? Seht ihr!

Für Loulous feine Eulenohren dröhnt Mercurius’ Stimme heute besonders laut, er scheint Besuch zu haben.

„Sol, alter Freund“, hört sie ihn sagen, „reich mir hurtig deinen Becher und lass dir noch ein wenig Glühwein nachschenken. Schließlich hast du morgen Geburtstag.“

Der Geist Sol, einst römischer Gott der Sonne, rülpst leise, reicht ihm das leere Gefäß und erwidert, bereits etwas lallend: „Mercurius, Mercurius, schön, dass du dich daran erinnerst. Noch immer siegt das Licht über die Nacht, noch immer werden die Tage ab jetzt wieder länger, mich aber haben die Menschen schon lange vergessen. Und ich sage dir, mein Freund: Auch die Erinnerung an die Geburt des Kindes, die sie morgen feiern, lässt nach.“

Mercurius, einst römischer Gott der Händler und Diebe, leert seinen eigenen Becher, den er soeben erst gefüllt hat, in einem einzigen Zug: „Aber die Geschäfte, Sol, die Geschäfte laufen besser als jemals zuvor. Die Stadt brummt, die Kassen füllen sich. Ich drehe täglich eine Runde in der Stadt und vergewissere mich.“

Da macht Loulou mit einem kurzen Eulenschrei auf sich aufmerksam. Die Eule sitzt auf einem Felsbrocken am Rande des Gelages, doch die beiden zechenden Geister haben sie bislang nicht bemerkt. „Guten Abend, verehrte Geister. Entschuldigt, wenn ich so in eure Unterhaltung platze, aber ich bin schrecklich neugierig. Ich möchte unbedingt mehr über dieses Fest erfahren, das die Menschen da feiern und über das ihr gerade sprecht. Erklärt mir bitte: Wenn das Fest morgen erst beginnt, was machen die Menschen dann schon seit Wochen?“

„Guten Abend, Loulou, herzlich willkommen“, spricht der Geist Mercurius. „Schön, dass du mich einmal wieder besuchst. Ich schildere dir gerne, was ich hierzu vor einigen Tagen vor einem der Geschäfte in der Stadt gehört habe. Stell dir nur vor, was da geschehen ist …“

Zweite Szene: Ein amüsanter Adventskalender (Text: Angela Hagel)

(Die Projektion der zwei Geister verschwindet, die Szene wird beleuchtet. Sie zeigt ein Regal, das mit großen Prozent- und „Reduziert“-Schildern und Ähnlichem beklebt ist. Darin stehen neben Schoko-Nikoläusen und Deko-Artikeln auch mehrere Adventskalender. Jugendliche 1 und Jugendliche 2 schlendern auf das Regal zu.)

Jugendliche 1 Oh Mann, noch vier Stunden.

Jugendliche 2 Was meinst du mit „noch vier Stunden“?

Jugendliche 1 Dann beginnt daheim unser Fest. Meine Mutter ist schon die ganze Woche gestresst, darauf habe ich echt keinen Bock.

Jugendliche 2 Da hast du recht, ich würde auch gerne woanders feiern.
Endlich haben wir Ferien und jetzt müssen wir daheim herumsitzen.

Jugendliche 1 Ich würde lieber Freunde treffen.
(Sie schlendern weiter, bleiben vor der Auslage stehen und schauen sich einen der Kalender an.)
Hei, was ist das denn? Schau mal!

Jugendliche 2 Ein Adventskalender – na und? Wahrscheinlich im Angebot, der Advent ist schließlich vorbei.

Jugendliche 1 Nein, sieh mal genau hin, total krass! Der hat Türen bis zum 6. Januar.

Jugendliche 2 LOL – zeig! Du hast recht: Türe 25, 26, 27 …

Jugendliche 1 Und hier Silvester, siu!
(„suuuu“, lacht, freut sich schon darauf)

Jugendliche 2 Na ja, vielleicht haben die sich ja was dabei gedacht. Ich habe echt schöne Kindheitserinnerungen an die Feiertage. Am schönsten war es immer, wenn die Geschenke bereits ausgepackt waren und das Essen vorbei war …

Jugendliche 1 … wenn wir endlich alle saßen, die Erwachsenen redeten, wir Kinder neues Spielzeug ausprobierten und …

Jugendliche 2 … alle Kekse in sich hineinstopften.
Der Adventsstress ist blöd, klar, aber beim Gedanken an die Stimmung danach kriege ich Gänsehaut.

Jugendliche 1 Eigentlich sollte es heute Abend ja erst losgehen, aber vor lauter Adventsstress haben die meisten schon keinen Nerv mehr.
Hör mal, wir könnten eigentlich erst recht abfeiern. Ich glaube, diese Idee steckt auch in diesem Kalender.
(Beide schauen nachdenklich noch einmal auf den Kalender.)

Jugendliche 2 Du meinst, die Idee, dass das Fest erst beginnt? Wahrscheinlich hast du recht.
Komm, lass uns nach Hause gehen. Vielleicht wird es ja doch ganz stabil – wir sollten das Beste draus machen.

Jugendliche 1 Und unsere Party verschieben? Ich bin dabei.
(stellt den Kalender wieder ins Regal)
Heute Abend ins Krippenspiel, das passt schon. Morgen gemütlich zuhause. Aber übermorgen Abend bei dir. Und zwischen den Jahren vielleicht bei Mo? Lass uns richtig Weihnachten feiern – bis zum 6., am besten die ganzen zwölf Tage lang!
(Sie verlassen gemeinsam die Szene.)

(Lied: Eingestimmt 485, „Christus, dein Licht“, Taizé)

Dritter Erzählteil: Der Fuchs

(Erzähler Loulou aus dem Off. Die Kirche wird abgedunkelt, nur Kerzenlicht leuchtet noch.)

Die Eule staunt: „Das eigentliche Fest beginnt also heute Abend und bislang waren das nur die Vorbereitungen.“

„So ist es, Loulou“, bestätigt Mercurius, „aber für die Händler und die Diebe ist die Vorbereitungszeit die wichtigste. Und die Menschen vergessen im Eifer ihrer Vorbereitungen manchmal, dass das Weihnachtsfest erst am 25. Dezember beginnt.“

„Das Weihnachtsfest“, wiederholt Loulou, „Weihnachtsfest ist also der Name. Mercurius, Sol, ich dank’ euch sehr! Ich werde mich nun in der Stadt umsehen. Mein Freund, der Fuchs, ist dort oft auf der Suche nach Essbarem unterwegs. Ich bin gespannt, was er so beobachtet hat.“

Ein kalter Wind ist aufgekommen und rauscht durch die Wipfel der Bäume. Es regnet etwas und Loulou fliegt tief, die nassen Böen vermeidend, den Schienen der Bergbahn folgend, der Stadt entgegen.

Am anderen Ende des Tales, hinter der Altstadt, findet sie den Fuchs in den Büschen beim Kurhaus liegend. Ihre Eulenohren hören ihn schon von weitem: Der Bursche schnarcht laut und völlig sorglos.

(Am Ort der folgenden Szene wird die Silhouette eines Fuchses projiziert.)

„Fuchs, ich bin’s, Loulou“, säuselt die Eule zunächst mit sanfter Stimme, um den Armen nicht allzu abrupt zu wecken. Vergeblich.

„Wach auf, du Schnarchnase“, ruft sie lauter, erneut vergeblich. Schließlich muss sie den Fuchs ein wenig mit den Krallen am Ohr ziehen, um ihn aus seinem tiefen Schlaf zu reißen.

„Findest du das nicht ein wenig ruppig?“, gähnt dieser vorwurfsvoll. „Du hättest mich ruhig etwas sanfter wecken können. Ich glaube, ich habe von Weihnachtskeksen geträumt.“

„Ach, Fuchs, als ob ich das nicht vorher versucht hätte. Man hätte fast meinen können, du hieltest Winterschlaf …“ „Mitnichten, Loulou“, erwidert der Fuchs. „Ein kleines Verdauungsschläfchen bestenfalls. Würste, Raclette und Wildschweinbraten – dieser Weihnachtsmarkt ist ein Hochfest der Delikatessen. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Leckerbissen hier in unendlicher Fülle zu finden sind. Ich fürchte nur, dass mir Zuckerwatte nicht wirklich bekommt.“

„Vielleicht sollte auch ich öfter vorbeischauen“, überlegt die Eule, „sicherlich zieht all das auch die Mäuse an. Aber höre, lieber Fuchs, ich bin mit einer Frage zu dir gekommen. Ich habe endlich erfahren, was hier los ist: Die Menschen bereiten sich auf das Weihnachtsfest vor. Aber sag mir, Fuchs, was müssen die denn alles besorgen?“

„Hier auf den Weihnachtsmarkt“, erklärt dieser, „kommen die meisten zum Essen und Trinken. Andere suchen nach Geschenken. Gestern habe ich im Café am anderen Ufer der Oos sogar eine Familie dabei beobachtet, wie sie ein Geschenk für ein Kind gesucht hat, das noch gar nicht geboren war. Stell dir nur vor, was da geschehen ist …“

Dritte Szene: Ein neugeborenes Kind (Text: Daniel Saam)

(Die Projektion des Fuchses verschwindet, die Szene wird punktuell beleuchtet. Sie zeigt einen Bistrotisch; die Bedienung serviert gerade zwei Espressi und einen Kakao. Die Mama schaut kaum von ihrem Handy auf, sie tippt und wischt hektisch über den Bildschirm. Sohn und Tochter langweilen sich sichtlich, kippeln mit den Stühlen und hängen auf dem Tisch herum.)

Sohn Mama, leg endlich das Handy weg, mir ist langweilig.

Tochter Und lass uns wenigstens sehen, was du da machst.

Mama (legt genervt das Handy weg)
Ich suche nach einem Geschenk.

Sohn Für mich?

Mama Nein, für Papas Schwester. Du weißt doch, dass sie schwanger ist und dass das Kind jeden Moment zur Welt kommen kann.

Sohn Und darum bekommt sie ein Geschenk?

Mama Das Geschenk ist eigentlich für das Baby.

Sohn Und was mag das Baby?

Mama Das ist ja das Problem! Dem Baby ist das vollkommen egal. Das interessiert sich in den ersten Monaten sowieso nur für seine Mama.

Tochter Klar: essen, wickeln, schlafen. Aber warum suchst du dann nach einem Geschenk?

Mama Weil man das eben so macht.

Tochter (ironisch)
Klingt total sinnvoll!

Mama Na ja, mit dem Geschenk will man zeigen, dass man sich mit den Eltern über die Geburt ihres Kindes freut. Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Kind zur Welt kommt. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich euch nach eurer Geburt zum ersten Mal im Arm hatte. Das war ein heiliger Moment – wie ein kleines Wunder – ein Geschenk.

Sohn Wenn das Baby das Geschenk ist, warum musst du dann noch irgendetwas anderes schenken?

Mama Mit einem Geschenk will man ja zeigen, dass man den Menschen gern hat, dem man etwas schenkt.

Tochter Kannst du das nicht anders zeigen, ohne dass du genervt nach irgendeinem blöden Kuscheltier suchst?

Mama (verdutzt)
Äh … ja … also …
(Ihr Handy klingelt.)

Tochter (schnappt es, bevor die Mutter es nehmen kann, nimmt ab, hört schweigend zu, nickt)
Wow, Onkel Jens, das ist ja der Hammer.
(kurze Pause)
Ja, Mama sitzt neben mir.
(kurze Pause)
Ok, ich sag es ihnen.
(legt auf)
Das war Onkel Jens, der war ganz aufgeregt und hat erst gar nicht bemerkt, dass ich dran war. Der kleine Lasse ist auf die Welt gekommen. Seiner Mama und ihm geht es gut … und dem Papa auch. Alle sind ganz happy! Ich freu mich so!

Sohn Ich will dem Kleinen eine Nachricht schicken! Können wir das bitte gleich machen? Und ich will morgen gleich hinfahren und den Kleinen kennen lernen!

Mama (zückt ihre Handtasche, winkt nach der Bedienung, legt Geld auf den Tisch)
Wisst ihr was? Das ist eine hervorragende Idee. Lasst uns schnell nach Hause gehen und packen!
(Sie stehen auf und verlassen gemeinsam die Szene.)

(Lied vom Liedblatt: „Menschen auf dem Weg“, Strophen 1 und 2)

Vierter Erzählteil: Das Rotkehlchen

(Erzähler Loulou aus dem Off. Die Kirche wird abgedunkelt, nur Kerzenlicht leuchtet noch.)

„Es fällt den Menschen wohl nicht leicht, sich beschenken zu lassen. Vielleicht machen sie sich deshalb so große Sorgen ums Schenken“, fasst Loulou die Beobachtung des Fuchses nachdenklich zusammen.

„Wenn ihr versprecht, mich nicht zu fressen, zeige ich mich“, meldet sich da ein piepsiges Stimmchen aus der anbrechenden Dunkelheit, „ich hab’ euch zugehört und auch etwas beobachtet.“

„Nichts leichter als das“, stöhnt der Fuchs, „schau mich doch an: Ich habe so viel genascht, ich fühle mich beinahe schon so fett wie ein Braunbär.“

„Ich ziehe Mäuse vor“, sagt die Eule, „und ich hör’ doch, wie du im Buchs leise flatterst. Hungrig bin ich nur nach Wissen, kleines Vögelchen. Und alles, was du zum Weihnachtsfest weißt, wird diesen Hunger ein wenig stillen. Bei uns bist du sicher, versprochen! Komm doch raus und setz’ dich dazu.“

(Am Ort der folgenden Szene wird die Silhouette eines Rotkehlchens projiziert.)

„Ich bin Robin“, stellt sich den beiden ein Rotkehlchen vor. „Und zum Weihnachtsfest weiß ich so einiges. Erst vor wenigen Stunden, ich saß da vorne auf einer der Linden, haben sich zwei Menschen darüber unterhalten. Stellt euch nur vor, was da geschehen ist …“

Vierte Szene: Dem Weihnachtstrubel entkommen (Text: Isabel Watta)

(Die Projektion des Rotkehlchens verschwindet, die Szene wird punktuell beleuchtet. Sie zeigt einen Glühweinstand, aus dem Kessel dampft es. Eine Verkäuferin schneidet Orangen und rührt ab und zu mit einem großen Holzlöffel um. Sie reicht Weihnachtsmarktbesucher 2 zwei Tassen; dieser bezahlt, trinkt aber noch nicht und wartet.)

Weihnachtsmarktbesucher 1 (kommt hinzu, entdeckt Weihnachtsmarktbesucher 2 in der Menge, winkt)
Hallo! Gut, dass du hier auf mich wartest. Mir reicht es jetzt schon!

Weihnachtsmarktbesucher 2 Was ist denn los?

Weihnachtsmarktbesucher 1 Überall unterwegs habe ich Weihnachtslieder gehört: „Stille Nacht“ klang aus dem Kaufhaus. Die Kinder in der Fußgängerzone haben „O du fröhliche“ auf ihren Instrumenten gespielt, und die Glöckchen an der Hausfassade haben „Süßer die Glocken nie klingen“ gebimmelt. – Und zu allem Überfluss kam aus einem vorbeifahrenden Auto noch „Last Christmas“. Ich kann dieses ganze Gedudele nicht mehr hören.

Weihnachtsmarktbesucher 2 Ja, das verstehe ich. – Jetzt trink erst einmal einen Glühwein mit.
(Beide trinken und halten die Becher fest in den Händen.)
Also ich genieße die Weihnachtsmusik aber schon. Ich stelle mich zum Beispiel gerne an die Konzertmuschel und höre den Sängerinnen und Sängern zu, die Weihnachtslieder singen. Oder eben auch den Straßenmusikanten, die für ihre Zuhörer musizieren.

Weihnachtsmarktbesucher 1 Das ist etwas anderes: Da gehst du ja hin, weil du die Musik hören möchtest. Mich nervt diese Dauerbeschallung, damit man mehr kauft oder damit „Stimmung“ aufkommt. Dieser Lärm verhindert besinnliche Gedanken oder Stille.

Weihnachtsmarktbesucher 2 Aber ich komme sehr gut zur Ruhe, wenn ich Musik höre. Und zu Weihnachten gehört Musik für mich dazu.

Weihnachtsmarktbesucher 1 Es gibt viele Weihnachtslieder, die ich mag. Doch ich sehne mich nach der STILLE aus „Stille Nacht, heilige Nacht“. Ich möchte in die Stille hineinlauschen, meine Gedanken sortieren, mich am Wunder der Geburt eines Kindes erfreuen – da passt das ständige Abspielen von Weihnachtsliedern nicht dazu.

Weihnachtsmarktbesucher 2 Du klingst ziemlich frustriert …

Weihnachtsmarktbesucher 1 Ja, manchmal macht mir das schon zu schaffen.

Weihnachtsmarktbesucher 2 Ich glaube, ich weiß, was du suchst – komm doch mit mir zur Weihnachtsfeier. Sie beginnt um vier und vielleicht finden wir dort ja beides: Musik, aber auch Stille und gute Gedanken.

Weihnachtsmarktbesucher 1 Lass uns das versuchen!
(Sie verlassen gemeinsam die Szene.)

(Lied: Eingestimmt 310, „Seht, die gute Zeit ist da“; die 1. Strophe mehrmals, Oberstimmen instrumental)

Fünfter Erzählteil: Loulou am Kirchenfenster

(Erzähler Loulou aus dem Off. Die Kirche wird abgedunkelt, nur Kerzenlicht leuchtet noch.)

„Ich glaube, ich weiß, wo diese Weihnachtsfeier stattfinden soll“, fällt dem Fuchs plötzlich ein. „Nicht allzu weit von hier, am Rand der Stadt, am Fuß des Merkurberges, steht eine kleine Kirche.“

Die Spitalkirche am Fuße ihres Schlosses kennt Loulou natürlich. Soeben haben dort die Kirchenglocken zu läuten aufgehört. Schnell bedankt sie sich beim Fuchs und beim Rotkehlchen und wünscht ihnen, inzwischen schon fast Weihnachtseule, ein frohes Weihnachtsfest.

Loulou erhebt sich in die Luft, steigt in den Abendhimmel auf und überquert die Stadt mit raschen Flügelschlägen. In der Tat scheinen sich viele Menschen zur Spitalkirche aufgemacht zu haben, gerade huschen die letzten durch das große Tor.

Die Eule umrundet das Gebäude, setzt sich auf den kleinen Kirchturm und lauscht. In der Kirche ist es fast dunkel, doch es spricht jemand. Vielleicht ich.

Nicht weit entfernt von Loulou ist die Stimme lauter zu hören, irgendwo steht wohl ein Fenster offen. Die Eule umrundet die Kirche erneut, findet das offene Fenster und setzt sich.

(Über dem dunklen Altarraum wird die Silhouette einer Eule projiziert.)

Sie späht in die Kirche hinein. Drinnen sitzen festlich gekleidete Menschen im Kerzenlicht. Sie wirken fröhlich, aber nicht ausgelassen, die Stimmung ist sehr feierlich. „Auf der linken Seite“, denkt Loulou, „das könnten vielleicht die zwei Menschen sein, die das Rotkehlchen beobachtet hat.“

Ganz vorne sitzt eine Familie beisammen, ein kleiner Junge strahlt vor Glück, sich fest an eine ältere Dame schmiegend.

„Bist du vielleicht der Junge vom Hirschgehege?“, fragt sich die Eule. „Dann wäre deine Oma ja doch noch gekommen.“

Nun steht ein Mensch in einem festlichen Gewand auf und wendet sich an die anderen.

(Im Schein einer Kerze tritt der Pfarrer vor die Gemeinde.)

Offenbar möchte er ihnen eine Geschichte erzählen. Eine Weihnachtsgeschichte vielleicht?

Loulou ist inzwischen sehr festlich zumute; sie ist aber auch gespannt zu erfahren, was folgt. Stellt euch nur vor, was nun geschieht …

Fünfte Szene: Die Weihnachtsgeschichte

Hinweis: Der Bibeltext (Lukas 2,1–20) folgt der Lesefassung der Offenen Bibel. Bei der Uraufführung 2022 wurde eine andere Übersetzung gesprochen, die Einheitsübersetzung von 2016.

(Weiterhin ist nur die Projektion der Eule am Fenster zu sehen, der Altarraum bleibt dunkel.)

Pfarrer In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus ein Gesetz, dass alle Bewohner des Reiches amtlich erfasst werden sollten. Diese war die erste Volkszählung und geschah zu der Zeit, als Quirinius als Herrscher über Syrien eingesetzt war. Und alle Menschen machten sich auf den Weg in ihre jeweilige Heimatstadt, um sich registrieren zu lassen.
(Vom Kircheneingang aus gehen Maria und Josef durch das dunkle oder nur von Kerzen beleuchtete Kirchenschiff zur Krippe im dunklen Altarraum.)
Auch Josef aus der Stadt Nazaret zog von Galiläa los. Er ging nach Betlehem in Judäa, die als Stadt König Davids bekannt ist, denn Josef stammte aus der Familie Davids. Zusammen mit seiner Verlobten Maria, die ein Kind erwartete, wollte er sich dort registrieren lassen. Doch während sie dort waren, war die Zeit für die Geburt ihres Kindes gekommen.
(Die Krippe im Altarraum wird punktuell beleuchtet, Maria und Josef sitzen mit dem Kind.)
Und sie brachte ihren Sohn zur Welt, ihr erstes Kind, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in einen Futtertrog, weil es in der Unterkunft für sie keinen Platz mehr gab.
(Das Kirchenschiff wird beleuchtet. Die Mitwirkenden der Einzelszenen sind an den Orten ihrer Szenen oder in deren Nähe aufgestanden.)
In der gleichen Gegend gab es Hirten, die unter freiem Himmel lebten und während der Nacht gerade Wache bei ihrer Herde hielten. Da erschien ihnen ein Engel des Herrn, und der Glanz Gottes umstrahlte sie. Sie wurden von großer Furcht gepackt. Doch der Engel sprach zu ihnen:

Engel 1 (Die drei Engel werden auf der Kanzel angeleuchtet und bleiben dort bis zum Schluss.)
Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch eine große Freude, die allen Menschen gilt:

Engel 2 Denn heute wurde in der Stadt Davids für euch der Retter geboren: Christus, der Herr!

Engel 3 Und dies wird für euch das Zeichen sein: Ihr werdet einen Säugling finden, der in Windeln gewickelt in einem Futtertrog liegt.

Pfarrer Und plötzlich war der Engel von einer Vielzahl weiterer Engel umgeben, die alle Gott lobten:

Alle Engel Ehre sei Gott im höchsten Himmel, / und Friede auf der Erde / bei den Menschen, denen Gottes Wohlwollen gilt!
(Engel 1 singt den Refrain „Gloria in excelsis Deo“.)

Pfarrer Als die Engel wieder in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: „Los, wir wollen nach Betlehem gehen und uns all das auch ansehen, von dem wir durch Gott erfahren haben.“
(Der ganze Altarraum wird beleuchtet, die Projektion der Eule verschwindet. Die Mitwirkenden der Einzelszenen kommen zur Krippe, verbeugen sich vor Maria und Josef und stellen sich zu ihnen.)
Und sie machten sich in aller Eile auf den Weg und fanden es genau so vor: Maria, Josef und das Baby, das in einem Futtertrog lag.

(Lied: Eingestimmt 332, „O du fröhliche“)

Fünfte Szene, Fortsetzung

Pfarrer Nachdem sie all das mit eigenen Augen gesehen hatten, erzählten sie alles weiter, was sie selbst über dieses kleine Kind erfahren hatten. Und alle, die es hörten, wunderten sich über die Berichte der Hirten. Maria behielt alle ihre Worte im Gedächtnis und dachte in ihrem Herzen darüber nach. Und die Hirten kehrten zurück, wobei sie Gott für alles ehrten und lobten, was sie gehört und gesehen hatten – und zwar genau so, wie es zu ihnen gesagt worden war.

(Schlusslied: Eingestimmt 325, „Stille Nacht“)

Lizenz und Rechte

Lizenz. Text und Regieanweisungen: Thomas J. Weiss, Katja Wagner, Angela Hagel, Daniel Saam und Isabel Watta, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Das Stück darf aufgeführt, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange die Autorinnen und Autoren genannt werden.

Ausgenommen von dieser Lizenz ist alles, was nicht von ihnen stammt:

Für eine Aufführung klärt die aufführende Gemeinde die Rechte an den Liedern und an der verwendeten Musik selbst, etwa über die GEMA oder einen Pauschalvertrag ihrer Kirche.