Warum das Christkind im Schwarzwald geboren wird

Eine altkatholische Wichtelweihnacht für Erwachsene und Kinder · uraufgeführt 2024 in der Spitalkirche Baden-Baden

Autor: Thomas J. Weiss · Nach einer Idee von Thomas J. Weiss und Tom Dorner

Jahr
2024
Dauer
ca. 40 Minuten Spiel, mit Musik, Vaterunser und Segen ca. 1 Stunde
Besetzung
10 Sprechrollen, dazu Stimmen und stumme Rollen
Fassung
6. Oktober 2026

Worum es geht

Kurz vor dem Krippenspiel bleibt der alte Tom allein in der Kirche zurück. Weihnachten ist ihm fremd geworden, zu viel Kitsch, zu viel Schuld, zu wenig Wahrheit. Da erscheinen ihm nacheinander drei Wichtel: Barnabas aus dem Heiligen Land, Akua-Nutin von den Innu und Gretel aus dem Schwarzwald. Mit ihnen begreift Tom, dass die Weihnachtsgeschichte immer neu erzählt werden muss, um wahr zu werden – und dass er selbst sie erzählen kann.

Hinweis für andere Gemeinden: Das Stück spielt in der Spitalkirche in Baden-Baden, in der es uraufgeführt wurde. Kirche, Tal und Orte lassen sich durch eigene ersetzen.

Aufbau

Der Prolog, die drei Szenen, der Epilog und die Weihnachtsgeschichte nehmen rund 40 Minuten in Anspruch.
Einschließlich der Instrumentalstücke und Weihnachtslieder, des gemeinsamen Vaterunsers, des Erbittens des Weihnachtssegens und einer Verabschiedung soll die Veranstaltungsdauer 1 Stunde nicht überschreiten.

Rollen

Prolog

(Tom und Thomas geben der Spitalkirche den letzten Schliff fürs Krippenspiel. Tom rückt noch einen Weihnachtsbaum zurecht. Thomas stellt eine Esel-Figur, einen Hirten und ein Schaf auf, poliert die alte Kanzel und legt dann das Putztuch zur Seite.)

Thomas (zunächst verhalten)
Tom! To-om!
(dann deutlich lauter, nachdem dieser nicht reagiert)
TO-OM, hör mal …

Tom Jetzt schrei doch nicht so, ich bin doch nicht taub! Was brauchst du denn?

Thomas Nichts brauche ich, Tom. Und auch sonst braucht keiner mehr etwas. Es reicht, schau dich doch um … Jetzt passt wirklich alles, die Leute können kommen und Heiligabend auch!

Tom (der den Weihnachtsbaum nicht losgelassen hat)
Wenn du meinst …

Thomas (zieht Jacke und Schal an)
Ja, das meine ich wohl. Und jetzt lass endlich den Baum los, der hat dir doch nichts getan.
Bis die ersten Leute eintreffen, ist noch mehr als eine Stunde Zeit.
Ich gehe noch rüber auf den Weihnachtsmarkt, ein wenig Stimmung tanken, bevor es losgeht, und ein, zwei Glühwein. Willst du nicht mitkommen?

Tom (schaut sich in der Kirche um)
Ja, ja, es passt jetzt.
Aber auf diesen Weihnachtsbasar gehe ich nicht, auf diesen Rummelplatz, versoffenen. Und ganz ehrlich: Ein, zwei Glühwein tun mir nicht gut. Vor dem Fest nicht und sonst eigentlich auch nicht.
Aber geh du nur …

Thomas (bereits auf dem Weg zum Ausgang)
Mach ich, Tom, mach ich gerne. In spätestens einer Stunde bin ich zurück.
Und gut auch, dass du mir das nicht schlechtredest, nur weil du nicht mitwillst …
Ich trink jedenfalls einen für dich mit, vielleicht wird dir dann auch ein bisschen warm ums Herz.
(Thomas verlässt die Kirche, die Tür fällt zu.)

Tom (Thomas nachäffend)
Ich trink jedenfalls einen für dich mit, vielleicht wird dir dann ein bisschen warm ums Herz.
(setzt sich und seufzt)
Werd’ du erst mal so alt wie ich, Bub, und vor allem so gescheit. (lacht bitter)
Warm ums Herz, vom Glühwein … So ein Schwachsinn! Warm ums Hirn wird’s einem da vielleicht. Wobei es wahrscheinlich durchaus hilft: Damit es nicht so wehtut, dass es für die Großen nie mehr wieder richtig Weihnachten wird. Als unsere Kinder noch klein waren, vielleicht ein bisschen.
Aber es ist das innere Kind, das in mir drin, das einfach fehlt. Mit all seiner Naivität und Dummheit, Herrgott aber auch.

Engel (taucht kurz auf der Kanzel auf)
Aber doch nicht in der Kirche, Tom! Vor dem Fest nicht und sonst eigentlich auch nicht.

Tom (zunächst geistesabwesend)
Ja, ja.
(schreckt dann auf und dreht sich um, aber da ist schon kein Engel mehr zu sehen; schüttelt den Kopf, seufzt)
Jetzt hör ich schon Engel … Ich möcht’ gar nicht wissen, was ich nach zwei Glühwein gehört hätt’ …
Jedenfalls ist das ganze Drumherum für Erwachsene wirklich nicht auszuhalten: Eine Krippe mit Tannenbäumen, dass ich nicht lache. In Judäa am östlichen Mittelmeer. Und ein goldener Knabe mit lockigem Haar, was für ein Kitsch, für ein ahistorischer. Doch damit nicht genug: Weihnachtsmänner, hohoho, Schlitten und ein rotnasiges Rentier! Wenn einer schon Rudolph heißt, da könnt ich schon aus dem Fenster springen …
Um wieder richtig Weihnachten zu feiern, müssten wir zunächst einmal verstehen, wie das damals wirklich passiert ist.
Doch stattdessen feiern wir Wichtel. Überall Wichtel! Mit Bärten und ohne Bärte, mit Pilzhüten, Zipfelmützen … Wichtel, soweit das Auge reicht …

Barnabas (ein Wichtel; zunächst nicht zu sehen, nur zu hören)
Tom, was muss ich denn da hören?
(sitzt zunächst und stellt sich dann schelmisch auf seinen Stuhl)

Tom (erschrickt nun richtig und dreht sich ruckartig zur Kanzel um)
Um Gottes willen, der Engel wieder!
Hoffentlich bin ich nicht schwanger …

(Tom geht vorsichtig auf die Kanzel zu und schaut, ob er etwas sehen kann. Der Wichtel springt vom Stuhl, erscheint auf der Gegenseite in seinem Rücken und schleicht sich schelmisch an.)

Barnabas (so laut, dass Tom aufschreit und sich mit einem Satz umdreht)
TOM!

Tom (stotternd und schlotternd)
Was bist du? Woher kommst du?

Barnabas Na, jetzt krieg’ dich mal wieder ein. Du hältst mich doch nicht wirklich für einen Engel, oder?
(betrachtet Tom besorgt und eingehend, als sei dieser krank; nimmt ihn dann an den Schultern und setzt ihn auf eine Bank)
Ich bin ein Wichtel, Tom. Und ich kann dir versichern: Es gab eine Zeit, da hast du an mich geglaubt. Als Kind und in Naivität, aber keinesfalls in Dummheit!
Und wenn heute Abend, Tom, noch das Kind in dir wiedergeboren werden soll, so, wie es ganz besonders an Weihnachten möglich ist, dann fängt das natürlich mit einem Wichtel an.

(Der Wichtel setzt sich Tom gegenüber, blickt zur Empore, hebt kurz die Hände und beschwört mit einem kurzen Klatschen das folgende Musikstück herauf.)

(Musikstück, instrumental, nach Wahl)

Szene 1

(Tom sitzt verdattert auf seinem Stuhl. Wie ein Kind nimmt er immer wieder die Hände vor die Augen, nimmt sie wieder weg, blickt zum Wichtel, nimmt die Hände erneut vor die Augen und linst hindurch – egal, was er tut, der Wichtel verschwindet nicht.)

Barnabas (stellt sich vor)
Ich bin Barnabas vom Geschlecht der Wichtel*innen.

Tom Ohjemine, auch noch ein gendernder Wichtel – wenn ich das meiner Frau erzähle, dann schickt sie mich in Kur …
Aber wenigstens bin ich nicht schwanger!
(wendet sich langsam dem Wichtel zu)
Woher kommst du?

Barnabas Ich komme aus dem Heiligen Land. Für dich wahrscheinlich aus dem Morgenland.

Tom Quatsch, Morgenland sagt hier schon lange keiner mehr und ich erst recht nicht.
(kratzt sich nachdenklich am Kopf)
Aus Palästina, aus Israel? Ein trauriger Ort in diesen Tagen. Wirst du da denn nicht dringend gebraucht?

Barnabas Gebraucht? Ja, das ist wahr. Aber auch gewollt? Wo Krieg herrscht, leider selten.
Ich bin nur da, Tom, wo ich gewünscht bin und wo von mir erzählt wird. Ich erscheine, wo man von mir spricht.
Ich bin in der Vergangenheit und in der Zukunft zuhause.
In der Gegenwart, Tom, sind Erwachsene meist mit anderen Dingen beschäftigt.

Tom Ich weiß nicht so recht. Ich glaube, ich bin nicht der einzige Erwachsene, der sich wünscht, er wäre öfters ganz in der Gegenwart.
Das ist doch gerade das Problem mit dem inneren Kind: Es existiert meistens nur im Gestern.

Barnabas Es existiert am Anfang, Tom, nicht in der Vergangenheit, das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Hör doch mal!

Verschiedene Stimmen (durcheinander, in unterschiedlicher Lautstärke)
Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.

Engel (taucht erneut kurz auf der Kanzel auf)
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

(Tom hat sich nicht umgedreht, er hat nur versonnen zugehört. Der Engel verschwindet wieder, die Kirchentür öffnet sich und ein Junge tritt herein.)

Felix (sieht den Wichtel nicht)
Hallo Tom, schöne Grüße von meiner Mutter, ich bringe dir die Zweige für die Deko. Du sollst sie bitte in die Vasen stellen, du weißt schon wo, sagt sie.
(Der Junge zögert und schaut sich Tom genau an; dieser wirkt noch immer abwesend.)
Geht’s dir gut?

Tom (kommt zu sich und nimmt die Zweige entgegen)
Danke, ja, passt schon.
Komm, nimm du die Hälfte rüber.

(Die beiden verteilen die Zweige auf zwei Vasen. Der Wichtel bleibt unbeweglich auf seinem Stuhl sitzen.)

Tom (zögernd)
Du, Felix, glaubst du eigentlich an Wichtel?

Felix (ironisch)
Ach, Tom, bist du heute wieder wahnsinnig lustig!
Bis später … Wir sehen uns gleich noch beim Krippenspiel.

Barnabas (schüttelt sich kurz, sobald der Junge verschwunden ist)
Um ein Haar hätte er mich noch gesehen!
Es ist doch ganz einfach, Tom:
Der Anfang ist kein Punkt in der Zeit. Der Anfang ist der Urgrund, aus dem die Schöpferin dich jeden Tag aufs Neue bei deinem Namen ruft. Jeden Tag bekommst du erneut die Chance, zu dem zu werden, zu dem du bestimmt bist.
Was feierst du denn jedes Weihnachten, Tom, wenn nicht die Geburt des Kindes?

Tom Ach, Barnabas, natürlich feiern wir jedes Jahr die Geburt Christi. Aber jedes Jahr ist es auch aufs Neue dieselbe Geschichte und am Anfang dasselbe Wort. Jeden Tag dasselbe Erwachen und immer wieder die Suche nach derselben Bestimmung.
„Am Anfang war das Wort“ – das ist mir alles viel zu vorherbestimmt!

Barnabas Da hättest du Recht, Tom, wenn das Wort am Anfang aller Anfänge „Schicksal“ hieße. Aber so heißt es wahrscheinlich nicht, denk doch mal nach!

Tom (nachdenklich)
Es könnte Liebe heißen …

Barnabas (erfreut, wohlmeinend nickend)
Ja, das könnte es, kleiner Tom. Aber ich denke …

Tom und Barnabas (schauen sich in die Augen, dann begreift Tom; der Wichtel nickt, und sie sprechen gemeinsam)
Am Anfang war das Wort und das Wort heißt „Freiheit“.

(Der Wichtel hebt kurz die Hände und beschwört mit einem kurzen Klatschen das nächste Musikstück herauf.)

(Musikstück, instrumental, nach Wahl)

Szene 2

Barnabas Tom, meinst du denn wirklich, die Weihnachtsgeschichte ist seit zweitausend Jahren unverändert dieselbe geblieben?

Tom Na ja, sie wurde oft übersetzt und sprachlich angepasst, aber im Großen und Ganzen schon, denke ich …

Barnabas Im Großen und Ganzen, denkst du, ich verstehe …
Ich verstehe, ich verstehe …
Pass auf, ich möchte dir jemanden vorstellen.

Tom (dreht sich zur Kanzel um)
Ich wusste es doch, dass ich da vorhin was gesehen habe!

(Tom läuft einmal um die ganze Kanzel herum. Ein zweiter Wichtel erscheint hinter seinem Rücken und schleicht ihm auf leisen Sohlen hinterher. Tom stellt sich wieder vor die Kanzel und hüpft ein wenig auf und ab, um besser sehen zu können. Der zweite Wichtel macht seine Bewegungen nach.)

Tom (etwas grantig)
Wo ist er? Engel, komm raus! Das Spiel ist aus!

Akua-Nutin TO-OM!

Tom (erschrickt, dreht sich in aller Eile um und zeigt dann beinahe erleichtert mit ausgestrecktem Arm auf den Wichtel)
So! Aha! Da bist du!
Noch so einer also. Bist du ein Verwandter, vielleicht ein Nachbar?

Akua-Nutin (empört)
Natürlich bin ich eine Verwandte – ich bin schließlich auch eine Wichtelin!
Aber eine Nachbarin? Tom, bitte! Sehe ich vielleicht aus wie aus dem Nahen Osten?
In deinem Alter haben doch alle als Kind noch Karl May gelesen.
Jetzt schau mal genau hin! Ein Tipp: Es ist NICHT das Wilde Kurdistan!
Da, guck her!
(streicht sich mit der Hand über den Federschmuck)
Fällt dir vielleicht was auf?

Tom Gar nichts sag’ ich meiner Frau, am besten gar nichts …
Ich werd’ verrückt, ein Indianer-Wichtel!

Akua-Nutin (jetzt wütend)
Jetzt pass aber mal auf! Ich bin eine Wichtelin, ein Mädchen!
Und „Indianer“ sagt man auch nicht mehr. Vor dem Fest nicht und eigentlich sonst auch nicht. Aus Respekt tut man das nicht!

Tom (bedröppelt)
Es tut mir leid. Das muss die Aufregung sein.
Also bist du eine Wichtelin aus dem Wilden Westen? Willkommen in unserer Kirche.
(mit großer Geste wie im Western)
Howgh!

Akua-Nutin (zu Barnabas, tippt sich an die Stirn)
Howgh? Der Wilde Westen? Im Ernst? Das ist in der Tat ein besonders schwerer Fall …
(wieder zu Tom)
Ich bin Akua-Nutin, Wichtelin der Innu, aus dem Nordosten der Schildkröteninsel, die ihr Amerika nennt.
(umarmt Barnabas freudig und setzt sich zu ihm)
Barnabas, alter Freund! Es ist schön, dich zu sehen.

Barnabas Danke, Akua-Nutin, dass du umgehend erschienen bist.
Der kleine Tom hier wünscht sich, dass es wieder Weihnachten werde.
Aber er denkt, dass an diesem Abend seit der Geburt Jesu immer dieselbe Geschichte erzählt wird, im Großen und Ganzen, wie er sagt.

Akua-Nutin Ich verstehe.
(setzt sich zu Barnabas und wendet sich Tom zu)
Allzu lange wurde in meinem Land, im Osten Kanadas, von deiner Kirche in der Tat immer und immer wieder dieselbe Geschichte erzählt. Tom, das war, im Großen und Ganzen, entsetzlich!
Entsetzlich für unser Volk, das seine eigenen Geschichten vergessen sollte und auch fast vergessen hat, und entsetzlich für die Weihnachtsgeschichte, die deshalb viele bis heute nicht mehr hören möchten.
Gib fein acht, Tom, ich will dir unsere Geschichte und etwas über Geschichten im Allgemeinen erzählen.

Tom Dann fang’ bitte ganz von vorne an, Akua-Nutin. Ich fürchte, ich weiß von der wahren Geschichte deines Volkes noch entsetzlich wenig.

Akua-Nutin (lächelnd)
Wir sind ein Volk, Tom, für das der Mond über lange Zeit hinweg wichtiger war als die Sonne. Unser ganzes Leben war daran ausgerichtet – unser Alltag und unsere Spiritualität, würdet ihr sagen. Doch bis ihr kamt, war das für uns kein Unterschied.
Es gab einen Mond, um zu jagen, einen, um Beeren zu sammeln, und einen, an dem das Eis zu schmelzen begann. Der letzte Mond des Jahres war der der Ältesten, eine Zeit der Trommeln, der Feste und der Geschichten.
Geschichten spielten in unserem Leben eine bedeutende Rolle, Tom, denn wir hatten keine Schrift. Wie hätten die Alten ihr Wissen an die kommenden Generationen weitergeben sollen, wenn nicht in ihren Geschichten? Weil diese Geschichten an jedem Feuer und von jeder Erzähler*in ein wenig anders und immer wieder neu erzählt wurden, konnte immer wieder neues Wissen hinzukommen.

Tom Aber wenn für euch der Mond eine so große Rolle gespielt hat, habt ihr dann die Wintersonnenwende überhaupt gefeiert, den Sieg des Lichts über die Dunkelheit?

Akua-Nutin Daran, Tom, erinnert sich mein Volk heute nicht mehr. Denn vor wenigen hundert Jahren habt ihr uns die Schrift gebracht. Ein Missionar, der ein paar Jahre bei den Wendat gelebt hat, war vielleicht der Erste, der gemeinsam mit einer unserer Nationen ein Weihnachtsfest gefeiert hat. Was vorher war, habt ihr uns in den folgenden Jahren vergessen lassen.
Eure Schrift kann wundervolle Botschaften überbringen, Tom. Doch in den falschen Händen …

(Zwei Jugendliche unterbrechen das Gespräch abrupt.)

Lilli Weißt du, Marilou, frage mich, ob es noch cool ist, beim Krippenspiel mitzuspielen. Ich meine, kennst du normale Leute, die so etwas noch mitmachen?

Marilou Na ja, ich kenne eigentlich kaum jemanden, der noch in die Kirche geht. Außer an Heiligabend vielleicht.

Lilli Vielleicht haben sie das Gefühl, dass es nicht richtig Weihnachten wird, wenn sie nicht kommen. Vielleicht ist das auch der Grund, dass ich weiterhin mitspiele. Oder so Leute wie Tom. Hi, Tom. Sollen wir uns gleich umziehen?

Tom Hallo Lilli, hallo Marilou. Ja, ab in die Sakristei mit euch.

(Die Mädchen laufen vorbei und nehmen die Wichtel nicht wahr. Diese bewegen sich erst wieder, wenn die Mädchen verschwunden sind.)

Akua-Nutin Unser erstes Weihnachtsfest mag noch ein schönes gewesen sein, denn am Anfang haben sich eure Geschichten noch mit unseren gemischt: Da ist Jesus auf der Schildkröteninsel noch zwischen Fellen in einem Langhaus geboren worden und die Engel sind nicht Hirten, sondern Jägern erschienen.
Doch schon bald habt ihr eure Geschichte nur noch auf eine Weise erzählt. Unverändert, unverrückbar, unbelehrbar. In den folgenden Jahren hat unser Volk dann lernen müssen, jedes Jahr Weihnachten zu feiern, und dabei fast alles verloren, Tom: zunächst sein Land, dann seine Kinder, am Ende sich selbst. Beinahe habt ihr uns und unsere Kultur vernichtet.

Tom Das ist ja schrecklich. Selbst das Weihnachtsfest hat so viel Schuld auf sich geladen!
Barnabas, das ist es doch, was ich meinte: Je mehr man als Erwachsener an Hintergründen erfährt, umso weniger traut sich das innere Kind noch hervor. Es ist einfach alles so kompliziert und oft auch so schlimm.
Ich kann Weihnachten nicht mehr unbedarft feiern, selbst wenn ich wollte. Wir haben beide unsere Unschuld verloren.

Barnabas Am Anfang war das Wort, Tom.

Akua-Nutin Versteh mich richtig, Tom! Ich bin nicht hier, um dich an eine Schuld zu erinnern.
Ich bin hier, um dich daran zu erinnern, dir die Freiheit zu nehmen, es anders zu machen.
Auch wir wollten lange kein Weihnachten mehr feiern und viele von uns werden es nie wieder wollen. Denn es ist höchste Zeit, dass wir wieder unsere eigenen Geschichten erzählen.
Doch auch die Erinnerungen unserer Allerältesten sind voller Krippenspiele.
Deshalb gibt es für uns kein Zurück, Tom, es gibt nur ein Voran. Wir werden lernen müssen, neue Geschichten zu erzählen.

Tom Vielleicht muss ja auch die Weihnachtsgeschichte neu erzählt werden, gemeinsam mit den anderen, verlorenen Geschichten. Vielleicht kann sie nur so in den Welten wirken, sowohl in der der Menschen als auch in der der Geschichten.
Vielleicht müssen wir uns die Freiheit nehmen, sie neu zu erzählen. Dann kann auch Christus neu geboren werden.
Wenn ich nur wüsste, wie … Ich könnte einen Stern brauchen, der mir den Weg zeigt. Oder vielleicht einen Engel?

Barnabas Akua-Nutin …

Akua-Nutin (zu Barnabas, auf Tom zeigend)
Still, Barnabas. Lassen wir ihn ein wenig. Er ist fast so weit.

(Akua-Nutin beschwört mit einem kurzen Klatschen das nächste Musikstück herauf.)

(Musikstück, instrumental, nach Wahl)

Szene 3

(Tom schaut nachdenklich auf die Kanzel, dieses Mal ganz ruhig. Doch in diesem Moment kommt von hinten bereits der dritte Wichtel, auch er ganz leise …)

Tom (dreht sich mit einem Mal um und ruft laut)
Hab ich dich!

Gretel (erschrickt, kreischt kurz, stolpert ein paar Schritte zurück)
Mensch, Tom, jetzt erschreck’ mich doch nicht so! Ich habe dir doch nichts getan!

Tom (lachend, ironisch)
Ja klar, und das hättest du auch nicht, ja? So ganz und gar nicht wie die anderen beiden vom Geschlecht der Wichtel*innen …
Einen auf woken Wichtel machen und dann arme alte Männer anschleichen … Das gehört sich nicht! Vor dem Fest nicht und eigentlich sonst auch nicht. Und außerdem kenne ich dich doch …
(geht ein paar Schritte auf Gretel zu, ergreift ihre Hand und zieht sie näher zu sich)
Wir sind uns schon begegnet, richtig?

Gretel (strahlt)
Ach Tom, das passiert nicht oft, dass sich später noch einer erinnert.
Ich bin Gretel, die Wichtelin des Schwarzwalds, und ich habe so manche Nacht an deinem Bettchen gewacht.

Tom (den Blick in die Ferne gerichtet)
Gretel, ja?
(berührt sie kurz an der Wange, schüttelt versonnen den Kopf und berappelt sich wieder)
Ich glaube, du kannst helfen. Komm, setz’ dich zu mir.
Wir müssen die Weihnachtsgeschichte unbedingt neu erzählen, immer wieder, gemeinsam mit anderen, mit anderen Menschen, mit anderen Geschichten. Und jede Geschichte muss für sich selbst stehen dürfen! Ich verstehe schon, was das heißen soll, weißt du …
(stampft mit dem Fuß auf den Boden)
Nein, ich kann fühlen, was das heißen soll – aber verstehen tu ich eigentlich überhaupt nichts, verdammt noch mal!

Engel Tom!

Tom (souverän; dreht sich nicht um, hebt nur kurz entschuldigend die Hand)
Richtig, soll nicht wieder vorkommen!
Gretel, kannst du helfen?

Gretel Ich bin gekommen, um das zu tun, zu dem du mich gerufen hast, Tom.
Pass auf:
Die ersten Völker Amerikas glauben daran, dass sie ihren verstorbenen Ahnen nahe sein können, wenn sie auf den Wegen gehen, auf denen diese früher gegangen sind. In den Fußstapfen der Ahnen gehen, nennt das Akua-Nutin, auch wenn man diese schon längst nicht mehr sieht.
Kannst du dir das vorstellen?

Tom Ich weiß nicht …

Gretel Wenn du bei einer Wanderung durch den Schwarzwald das Gefühl hast, dass dich deine Umgebung zum Schwingen bringt, kennst du das nicht?
(Tom nickt nur.)
Na also.
Diese Beziehung nennt man „Resonanz“ und sie passiert immer auf beiden Seiten. Deine Umgebung versetzt dich in Schwingung, aber ein wenig schwingt sie auch durch dich.
Manche dieser Schwingungen könnt ihr Menschen offensichtlich noch sehr lange spüren, wenn ihr nur gut genug hinhört.

Tom Du meinst, in diesem Tal, in der Spitalkirche und bevor es sie gab, hier sind Menschen gewesen, die mich heute noch schwingen lassen können, wenn ich nur richtig zuhöre?
(schließt die Augen und rudert unbeholfen mit den Armen)
So?

Gretel (wohlwollend lächelnd)
So ähnlich, Tom, so ähnlich.
Und auch Geschichten gehen Beziehungen mit Menschen ein: sowohl mit denen, die sie erzählen, als auch mit denen, die noch zuhören können und wollen.

Sophia (kommt zur Tür herein und grüßt die Wichtelin völlig selbstverständlich)
Hallo Gretel. Schön dich zu sehen.

Gretel Hallo Sophia.

Sophia Hallo Tom. Ich geh mich mal umziehen.

Tom In Ordnung, Sophia, wir sind gleich so weit.

Gretel Gleich, Tom, gleich.
Hör mir zu: Geschichten müssen stets neue Beziehungen eingehen, um lebendig und am Schwingen zu bleiben. Das tun sie, wenn ein Mittler eine Geschichte neu erzählt und insbesondere dann, wenn er dabei andere Geschichten in Bezug setzt.
Es braucht immer solche Mittlerinnen und Mittler, um Geschichten in die Zukunft zu tragen.

Tom Jetzt verstehe ich, glaube ich, Gretel. Du bist so eine Mittlerin, richtig?

Gretel Nein, Tom. Ich bin nur ein Teil der Geschichte.

Tom Vielleicht, Gretel, aber bin nicht auch ich nur ein Teil einer Geschichte?

Gretel Ja, Tom, am Ende bist das auch du. Wie jede von Neuem erzählte Geschichte wirst auch du jeden Tag ein wenig anders neu geboren. Nur deshalb hast du die Freiheit, dich zu verändern.

Tom Ich will mich gerne heute noch ändern! Aber wie kriegen wir denn nun die Weihnachtsgeschichte zum Schwingen, wenn du nicht die Mittlerin bist?

Barnabas (tritt hinzu)
Hast du es wirklich noch nicht begriffen, kleiner Tom?

Akua-Nutin (tritt ebenfalls hinzu)
Die ganze Zeit gehst du bereits in den Fußstapfen derer, die das Weihnachtsfest vor dir gefeiert haben, über Jahrhunderte hinweg auf ihre Weise und immer wieder neu.

Gretel Und auch du sehnst dich danach, die Geschichte heute Abend wieder ganz neu zu erzählen, deshalb sind wir alle hier.
Diese Weihnachtsgeschichte hat ihren Mittler längst gefunden, Tom.

Wichtel*innen gemeinsam Der Mittler, kleiner Tom, bist DU!

(Gretel beschwört mit einem kurzen Klatschen das nächste Musikstück herauf.)

(Musikstück, instrumental, nach Wahl)

Epilog

Thomas Tom, ich bin wieder da.

Tom Du kommst zur rechten Zeit. Es kann bald losgehen!

Thomas Und weißt du was, Tom, ich habe gar keinen Glühwein getrunken. Ich habe gedacht, wenn es dir nicht guttut, dann tut es das mir wahrscheinlich auch nicht. Und alleine erst recht nicht. Vor dem Fest nicht und sonst eigentlich auch nicht.

Tom Gut, dann komm her, Thomas, und setz dich zu uns.

Thomas Wie, zu uns, Tom? Hast du Besuch gekriegt? Sind die ersten Gäste denn schon da?

Tom Quatsch! Siehst du denn die Wichtel nicht?

Thomas Ich hab’ dir doch gesagt, dass ich keinen Glühwein getrunken habe. Ich verstehe schon, du nimmst mich auf den Arm, weil ich unbedingt noch auf den Weihnachtsmarkt wollte …

Tom Gar nicht!
Aber du siehst sie natürlich nicht, das hätte ich mir denken können. Macht nichts. Stell dich da hin, genau da.
Gleich kommen die Gäste. Gleich erzählen wir die Weihnachtsgeschichte. Wie immer, wie an jedem Weihnachtsfest, aber doch wieder ganz neu und auch ganz anders. Du wirst schon sehen!

Thomas Aber welche Geschichte, Tom, willst du denn erzählen? Vorhin noch warst du derart mit dir am Hadern … Welche ist sie denn, die wahre Geschichte, wie war es denn wirklich, im Heiligen Land vor zweitausend Jahren?

Tom Wie genau es wirklich war, das wissen vielleicht nicht einmal die Wichtel …
Aber wahrscheinlich habe ich die ganze Zeit über die falsche Frage gestellt! Sie kann nämlich gar nicht lauten, wie sich die Geschichte in der Vergangenheit abgespielt hat.
Die Frage muss lauten, wie wir einen neuen Anfang finden und die Weihnachtsgeschichte so erzählen können, dass sie erneut wahr wird.
Heute Abend soll es Weihnachten werden, hier im Schwarzwald wird das Christuskind geboren!

Barnabas Ich glaube, es geht los.

Thomas Wie, es geht los? Wird es jetzt Weihnachten?

Tom Natürlich wird es das. Ich bin schon ganz aufgeregt, ich freu mich wie ein kleines Kind.

Thomas Und ich, Tom, ich sehe plötzlich lauter Wichtel.

Akua-Nutin Dann lasst uns unsere Plätze einnehmen.

Gretel (zu Akua-Nutin und zu Barnabas)
Folgt mir, ich kenn mich hier aus.

(Gretel beschwört mit einem kurzen Klatschen in Richtung Empore das nächste Musikstück herauf. Die Wichtel bereiten ihre Auftritte als Tiere, Jäger und Hirten in der kommenden Szene vor. Tom geht auf die Kanzel zum Engel, Thomas tritt an den Ambo.)

(Musikstück, instrumental, nach Wahl)

Die Weihnachtsgeschichte

Hinweis: Der Bibeltext (Lukas 2,1–17, in Szene 1 Johannes 1,3–5) folgt der Lutherbibel von 1912. Bei der Uraufführung 2024 wurde eine andere Übersetzung gesprochen, die Einheitsübersetzung von 2016.

(Der Altarraum bleibt dunkel. Thomas steht am Ambo, Tom auf der Kanzel.)

Thomas Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.
(Vom Kircheneingang aus gehen Maria und Josef durch das dunkle oder nur von Kerzen beleuchtete Kirchenschiff zur Krippe im dunklen Altarraum.)
Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger.

Tom Und auf ihrem Weg kamen sie auch im Schwarzwald vorbei. Hier, in diesem Tal, wo heute unsere Spitalkirche steht, machten sie unter Tannenbäumen Rast und Josef entzündete ein Lagerfeuer, denn es war Winter und die Wipfel waren schneebedeckt.

Thomas Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte.
(Die Krippe im Altarraum wird punktuell beleuchtet. Maria und Josef sitzen mit dem Kind hinter der Futterkrippe.)
Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Tom Baden-Baden hieß bei den Römern zu dieser Zeit wie viele andere Orte „Aquae“, aufgrund der vielen Quellen. Hier war sicherlich schon einiges los. Doch das Christuskind kam in der Stille des Waldes auf die Welt, nicht im Trubel der Thermen.
(Das Kirchenschiff wird beleuchtet, der Engel erscheint neben Tom auf der Kanzel.)

Thomas Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

Tom Und eine Jägerin hatte sich zu ihnen gesellt, sie war gerade auf der Pirsch und verfolgte schon seit mehreren Tagen einen kapitalen Hirsch.

Thomas Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Tom Ja, das kann ich mir vorstellen …

Thomas Und der Engel sprach zu ihnen:

(Der Engel und Tom werden auf der Kanzel angeleuchtet.)

Engel Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Tom und Engel gemeinsam Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Thomas Und alsbald war da bei den Engeln die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Tom Gloria in excelsis Deo!

(Lied: ein Gloria nach Wahl)

Thomas Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Tom Und lasst uns heute Abend in unserer Spitalkirche das Ereignis feiern, das uns der Herr kundtut!
(Der ganze Altarraum wird beleuchtet. Hirt*innen, Jäger*innen und Wildtiere treten näher und verneigen sich vor dem Kind.)

Thomas Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

Tom Und das Wort ist „Freiheit“!
Ihr habt die Freiheit, Kinder Gottes zu sein!
Christus ist geboren, Christus ist erstanden, Christus wird wiederkommen.
Frohe Weihnachten!

(Tom beschwört mit einem Klatschen selbst das nächste Musikstück herauf.)

(Lied: ein Weihnachtslied zum Mitsingen)

Lizenz und Rechte

Lizenz. Text und Regieanweisungen: Thomas J. Weiss, nach einer Idee von Thomas J. Weiss und Tom Dorner, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Das Stück darf aufgeführt, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange der Autor genannt wird.

Ausgenommen von dieser Lizenz ist alles, was nicht vom Autor stammt:

Für eine Aufführung klärt die aufführende Gemeinde die Rechte an den Liedern und an der verwendeten Musik selbst, etwa über die GEMA oder einen Pauschalvertrag ihrer Kirche.