Zwei im Spiegel

Eine Bildergeschichte · Wachsen und Freundschaft
Autor: Thomas J. Weiss
- Jahr
- 2022
- Länge
- 470 Wörter, vorgelesen ca. 4 Minuten
- Bilder
- 8
- Fassung
- 6. Oktober 2026
Worum es geht
Paul geht in die vierte Klasse und ist ein anderer als vor einem Jahr: Er spielt Klavier statt Blockflöte, ist im Fußballverein und bei der Jugendfeuerwehr – und mit Max, seinem besten Freund von früher, redet er kaum noch. Eine Geschichte darüber, wie man wächst, wer einem dabei zusieht und warum es gut ist, sich wieder einmal gemeinsam in den Spiegel zu schauen.
Zum Vorlesen: Die Geschichte wurde im Gottesdienst vorgelesen, während die Bilder an die Wand projiziert wurden. Die Bilder dürfen dafür in Gemeinden gezeigt werden.
Die Geschichte

Frisch geduscht, die Haare nach hinten gebürstet, die Zähne geputzt.
Paul schaut in den Spiegel: keine Nutellaspuren, keine Zahnpastaspuren. Der Tag kann beginnen.

Aus dem Spiegel schaut ihm Paul entgegen. Das ist er.
Paul geht in die vierte Klasse, seine Lieblingsfächer sind Mathe und Sachunterricht.
Er lernt Klavier spielen, aber übt nicht oft und nicht gerne.
Er mag Fußballspielen und die Jugendfeuerwehr, „Deine Freunde“ und seine Freunde.
Meistens ist Paul mit Paul ganz zufrieden.

Noch im letzten Schuljahr war Paul ein anderer: Er spielte noch Blockflöte und nicht Klavier. Er stritt öfter mit seinem Bruder. Fußball spielte er noch nicht im Verein, sondern meistens mit Max, hinten auf der Wiese.
Im letzten Schuljahr war Max noch sein bester Freund, heute sehen sie sich selten und reden nur noch wenig miteinander.
Max ist weder im Fußballverein, noch ist er bei der Feuerwehr. Er hat nicht dieselben Freunde.
Sie sind einfach zu verschieden.

Auch der Drittklässler und der Viertklässler Paul unterscheiden sich ziemlich und sind doch eine Person. Verwirrend?
Nein, denn Paul ist eben auch Paul, weil er sich verändert und wächst. In diesem Sommer um vier Zentimeter.
Weil er heute nicht mehr ist, was er gestern noch war, und morgen ein anderer sein wird.

Wenn Paul in den Spiegel schaut, stellt er meist fest, dass er gewachsen ist.
Aber er wächst nicht, während er in den Spiegel schaut. Wenn Paul sich verändert, ist er selten alleine. Um zu wachsen, braucht er Freunde, Lehrerinnen und Eltern. Und die Anderen, die ihn nicht aus den Augen lassen.
Paul hat einige Vorbilder, aus Geschichten und aus dem echten Leben: Er wäre gerne mutig wie Harry Potter, schnell wie Spiderman und lustig wie Onkel Frank.
Wie Tante Kathi will er auf keinen Fall werden, die schimpft zu viel.

Wenn die Anderen ihm beim Wachsen zusehen, fühlt sich Paul beobachtet.
Nicht allen gefällt, wie er sich verändert. Tante Kathi findet, seine Haare seien zu lang und er habe zu viel Energie. Wenn sie ihn ansieht, murmelt sie vor sich hin, manchmal schüttelt sie dabei sogar den Kopf.
Die Alte sollte sich besser um ihren eigenen Kram kümmern.
Man sollte sich freuen, wenn etwas wächst, findet Paul. Sich daran freuen, dass es wächst.
Paul sollte dringend einmal wieder etwas mit Max unternehmen.

Paul ruft Max an und bittet ihn, ihn einmal wieder zu besuchen. Beim Spielen schauen sie gemeinsam in den Spiegel, das bringt sie zum Lachen.
Sie sehen anders aus, als sie sich in Erinnerung haben. Sie haben sich verändert, aber eigentlich verstehen sie sich immer noch ganz gut.
Max ist Max und Paul ist Paul. Beide sind verschieden und beide wachsen. Es ist gut, dass jeder seinen Weg geht; sie müssen nicht beste Freunde sein.
Doch wenn sie sich ganz voneinander abwenden, steht etwas still. Indem sie sich ansehen, verändern sie sich.
Meistens zum Guten.