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kirchenkiste

Vier Aufgaben

Zeichnung: Vier runde Zeichen mit den vier Aufgaben: Kranke heilen, Tote aufwecken, Aussätzige rein machen, Dämonen austreiben

Zum Vorlesen · Vier Geschichten zu Mt 10,8

Autor: Thomas J. Weiss

Jahr
2023
Länge
1979 Wörter, vorgelesen ca. 16 Minuten
Bilder
5
Fassung
6. Oktober 2026

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Worum es geht

Jesus gibt seinen Jüngern vier Aufgaben mit: Kranke heilen, Tote aufwecken, Aussätzige rein machen, Dämonen austreiben. Vier Schulkinder erzählen, wie das heute aussehen kann: Eines riecht heimlich an Esra, die alle meiden. Eines grüßt den Busfahrer, den alle übersehen. Eines stellt sich dem Anführer einer Mobbing-Clique in den Weg. Und Jenni vertreibt die alte Idee, Mädchen seien schlechter in Mathe.

Zum Vorlesen: Jede der vier Geschichten steht für sich und lässt sich einzeln vorlesen, etwa zum Evangelium Mt 9,36–10,8.

Aussätzige rein machen

Zeichnung: Ein offenes Klassenzimmerfenster mit Blick ins Weite, davor auf dem Boden ein Papierflieger

Ich habe an Esra gerochen, heimlich und vor zwei Wochen schon. Das war nicht einfach, denn in den Schulpausen hielt sich Esra selten dort auf, wo die anderen waren. Unauffällig schlich sie meist von einer Ecke des Klassenzimmers in die nächste, stets dorthin, wo kein anderer war. Oft stand Esra am Fenster, wo sie in die Ferne schaute. Carina hatte allen erzählt, dass Esra stinke.

Es ist komisch, an einem Menschen riechen zu wollen, den man nicht kennt. Ich habe oft ausgefallene Ideen – aber an Esra zu riechen gehörte zu den allerseltsamsten meiner Einfälle. Deshalb sollte mich auf keinen Fall jemand sehen: Carina nicht, die anderen nicht und schon gar nicht Esra.

Dass Esra von den anderen gemieden wurde, hieß nämlich nicht, dass ihr nicht ständig verstohlene Blicke folgten. Vielleicht wurde sie beobachtet, weil sie anders war und anders bleiben sollte. Weil wir einerseits nach Gründen suchten, sie in den vergangenen Wochen ausgeschlossen zu haben, andererseits nach Gründen, sie auch weiterhin meiden zu können, da wir uns unserer Dummheit heimlich schämten.

Bereits am Vortag hatte ich zuhause einen Papierflieger gebastelt und ihn im NWT-Buch versteckt. In der zweiten Pause warf ich ihn gekonnt in Richtung des offenen Fensters, vor dem Esra stand. Er klatschte über dem Fenster an die Wand und fiel an Ort und Stelle zu Boden. Esra schien mich nicht bemerkt zu haben; alle anderen hatten Paul zugeschaut, der gerade einen Hundehaufen an die Tafel zeichnete, während Julian an der Tür Schmiere stand.

Als ich leise ans Fenster trat, um meinen Flieger aufzuheben, wandte sich Esra nicht um und schaute weiter hinaus. Ich bückte mich, griff nach meinem Flieger, rückte näher an sie heran und erhob mich langsam. Dabei versuchte ich ihren Geruch wahrzunehmen, vom Saum ihres Kleides bis zu ihren Haaren.
Das Waschmittel, mit dem ihre Kleidung gewaschen worden war, roch etwas anders als bei uns zuhause. Eher wie bei Felix, wo ich schon ein paar Mal übernachtet hatte. Auch glaubte ich, ganz leicht nur, einen Hauch von Gewürzen aus fernen Ländern zu riechen.
Just in diesem Moment drehte sich Esra um und schaute mich mit ihren großen, dunklen Augen an.

Ich wurde sofort puterrot und senkte meinen Blick. Esra sah traurig und streng auf mich herab, griff nach meinem Kinn und zwang mich, sie anzusehen.
Ich war drauf und dran, etwas Peinliches über meinen abgestürzten Papierflieger zu stammeln, doch ich riss mich zusammen. „D…du riechst gut“, stammelte ich. Ihre Augen weiteten sich ungläubig. Sie holte zischend Luft, stockte – und dann lachte sie. Erst leise, dann immer lauter. Ich fiel in ihr Lachen ein. Wir mussten uns beide am Fensterrahmen festhalten und kriegten kaum mehr Luft vor lauter Lachen, als Herr Herbst uns dazu aufforderte, uns an unsere Plätze zu setzen, die Pause sei vorbei.
Die ganze Klasse starrte uns an. Ich nahm meinen Ranzen und mein Mäppchen und setzte mich neben Esra.

Vor zwei Wochen habe ich an Esra gerochen, vielleicht nicht heimlich genug. Seitdem ist einiges passiert. Carina hat allen erzählt, ich stinke. Für kurze Zeit hatte ich das Gefühl, dass die anderen mich mieden, doch letztlich hat ihr niemand geglaubt.
Lena und Amelie haben Esra zu ihren Geburtstagspartys eingeladen. Mich übrigens auch.

Tote aufwecken

Zeichnung: Ein gelber Schulbus steht am Straßenrand, an der offenen Tür winkt ein Kind zum Gruß

Als ich ihn da sitzen sah, über das große Lenkrad des leeren Schulbusses gebeugt, den Kopf zwischen die Arme gesteckt und mit zuckenden Schultern, wandte ich mich rasch ab und ging weiter. Ich wusste nicht, ob er weinte. Auch wusste ich bis zu jenem Tag nicht, wie unser Busfahrer überhaupt hieß. Ich glaube, ich hatte nie darüber nachgedacht: dass auch Busfahrer einen Namen haben. Und Gefühle.

Myriam wohnt ganz in der Nähe der Schule und ich hätte sie an diesem Morgen gerne abgeholt. Deshalb hatte ich, nachdem ich an der Bushaltestelle ausgestiegen war, nicht den direkten Weg genommen, sondern war zwei Straßen weitergelaufen. Dort hatte ich den Bus, aus dem ich gerade erst ausgestiegen war, am Straßenrand stehen sehen. Damit, was sich im Inneren abspielte, hatte ich nicht gerechnet.

Ich dachte nach: Schon wieder hatten ein paar Idioten aus der Fünften am Kreisverkehr „Dreimal um den Kreisel“ gegrölt. Der Busfahrer hatte sich nicht darauf eingelassen – er hatte in der Vergangenheit schon manche Runde extra gedreht, aber die Jungs hatten immer weiter gebrüllt, danach meist noch lauter.
Wie so oft hatte eines der älteren Mädchen ihrer Freundin in der Kantstraße die Türe aufgehalten und die Weiterfahrt verzögert, weil diese noch ein letztes Mal an ihrer Kippe ziehen wollte. Wie immer hatte der Busfahrer gemahnt und geschimpft, gerade so genervt wie jeden Tag. Wie immer hatten ihn alle ignoriert.
Ignoriert werden kann wahnsinnig wehtun, das ist mir selbst schon passiert. Ich konnte mir vorstellen, was das Tag für Tag mit unserem Busfahrer machte.

„Guten Morgen, Herr Hauser“, sagte ich am nächsten Tag beim Einsteigen. Den Namen des Busfahrers hatte ich auf der Webseite des Unternehmens gefunden, das unsere Schulbusse betreibt. Herr Hauser stutzte kurz, nickte mir jedoch zu. „Schönen Tag noch, Herr Hauser“, sagte ich beim Aussteigen, was mir einige verwunderte Blicke der anderen Schülerinnen und Schüler einbrachte.
Am nächsten Tag grüßte ich ihn erneut. Und am übernächsten.
Ich spürte, wie die anderen im Bus über mich zu tuscheln begannen, aber ich machte weiter. Nach drei Tagen lächelte Herr Hauser, wenn ich einstieg.
Nach etwas mehr als einer Woche fragte er mich nach meinem Namen.
Es dauerte ganze elf Schultage, ohne die dazwischenliegenden Wochenenden, bis sich mir Frank aus meiner Klasse anschloss und Herrn Hauser beim Aussteigen ein „Ciao“ zuwarf.
Dann wurden es immer mehr.

Unser Busfahrer heißt Peter Hauser und ist für sein Alter recht lustig. Er kennt viele der mitfahrenden Schülerinnen und Schüler beim Namen. Manchmal fährt er auf dem Schulweg drei Runden um den Kreisel.
Über einige unserer Späße lacht er heimlich. Wenn wir allzu viel Quatsch machen, schimpft er laut. Meistens hören wir dann auf.

Dämonen austreiben

Zeichnung: Eine leere Umkleide mit einer Reihe Spinde, davor eine Bank mit zwei Turnbeuteln

Eines Tages war ich mutig genug, mir Paul nach dem Sportunterricht zu greifen, ihn mit aller Kraft an die Wand des Umkleideraums zu drücken, ihm aus nächster Nähe in die Augen zu sehen und ihn anzubrüllen: „Wenn du Marc noch ein einziges Mal anfasst, dann schlage ich dich windelweich und schleppe dich danach zur Direktorin. Siehst du denn nicht, wie schlecht es ihm geht?“

Auch ich hatte anfangs mitgemacht. Marc hatte die seltsame Angewohnheit, rot im Gesicht zu werden und mit rudernden Armen wild um sich zu schlagen, wenn wir ihn ärgerten. Dabei verdrehte er die Augen und schrie wie ein tollwütiges Riesenbaby – wir fanden das unheimlich lustig. Anfangs neckten wir ihn, um diese erstaunliche Reaktion ein weiteres Mal zu sehen und darüber lachen zu können. Dann quälten wir Marc täglich. Wir versteckten seine Sachen, wir stellten ihm dauernd den Fuß, rempelten ihn an und spornten uns gegenseitig dazu an, ihn zur Explosion zu bringen.

Als ich endlich begriffen hatte, wie wir Marc das Leben zur Hölle machten, mich endlich dafür schämte und nicht mehr mitmachte, war es bereits zu spät: Die anderen waren im Jagdfieber, Paul hatte die Führerschaft übernommen und Marc, ein ohnehin etwas schmächtiger Junge, war innerlich immer kleiner geworden.
Lange dachte ich darüber nach, wie ich diesem Wahnsinn ein Ende setzen konnte – und dann warf ich Paul an die Wand des Umkleideraums.

Meine Hände konnten Pauls Zittern spüren, ich roch seinen Atem. Mein eigener Puls raste, doch ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. Ich erwartete Pauls Reaktion.

Doch dann geschah nicht, was ich befürchtet hatte: Weder wehrte sich Paul, noch brüllte er zurück. Er war bleich geworden, senkte die Augen und sagte gar nichts. Als ich Paul losließ, schaute er mich kurz an und nickte. Er sah nachdenklich aus, als er die Sporthalle verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Es wäre naiv zu glauben, dass von diesem Tag an alles gut geworden sei. Marc wurde zunächst zwar ein bisschen weniger gemobbt, doch seine Peiniger ließen erst nach und nach von ihm ab.
Ich habe beobachtet, wie Paul bereits am nächsten Morgen abseits der anderen mit Marc zusammenstand und lange mit ihm redete. Ich habe nie erfahren, was er ihm gesagt hat, aber er traf ihn von da an regelmäßig und wurde sein wichtigster Unterstützer.
Außerdem wurde Paul bald mein bester Freund und ist es bis heute. Wir haben niemals über den Vorfall in der Sporthalle geredet. Ich bin mir ganz sicher, wir müssen das auch nicht.

Kranke heilen

Zeichnung: Ein aufgeschlagenes Matheheft mit einer rot umkreisten Zwei, daneben rote Kopfhörer und ein Bleistift

Mädchen sind schlechter in Mathematik. Sie lernen leichter fremde Sprachen, aber in Mathe und den Naturwissenschaften sind sie nicht so gut wie die Jungs. Einzelne vielleicht – aber sie sind und bleiben die Ausnahme.

Lange war ich mir dessen sehr sicher, so sicher wie der unbestreitbaren Tatsache, dass sich Pinguine und Eisbären nur im Zoo begegnen, Hähne keine Eier legen, kleine Mädchen eher auf Rosa stehen und kleine Jungs eher auf Blau. Das sind Dinge, die weiß man einfach. Ich war mir ihrer so lange sicher, bis Jenni in mein Leben trat.

Jenni zog sich anders an als wir anderen Mädchen, ihre Kleidungsstücke schienen oft wild zusammengewürfelt, sie trug nicht unsere Marken und doch bewunderten wir heimlich ihren Style. Jenni trug ihre schwarzen Haare auf der einen Seite sehr kurz, auf der anderen schulterlang, sie stand auf Musikgruppen, deren Namen wir noch nie zuvor gehört hatten, und hatte mehr Ohrlöcher als wir anderen zusammen. Sie sprach einen wilden Slang, streute englische, koreanische und allerlei Fremdwörter ein und verwendete dabei Ausdrücke wie „Patriarchat“, deren Bedeutung wir kaum erahnten. Außerhalb der Schule trug sie große, knallrote Kopfhörer, sie schien oft mit sich selbst zu reden und machte beim Gehen manchmal seltsame Moves, beinahe so, als tanze sie mit sich selbst.

Ich hatte eine Vier in Mathe geschrieben und blieb am Ende der Mathestunde recht niedergeschlagen an meinem Platz sitzen, als sich Jenni neben mich setzte und mich fragend ansah: „Nicht so nice gelaufen, wie du wolltest?“
Nein, das war es in der Tat nicht. Ich hatte geübt, ich hatte einige Aufgaben wiederholt, ich hatte mir Mühe gegeben und mehr als eine Vier war es doch nicht geworden. „Ich hätte mir eine bessere Note gewünscht“, sagte ich. „Ich hätte es wissen müssen: Mädchen sind einfach schlecht in Mathe.“

Ich hatte Jenni bislang nur selten wütend gesehen und wünsche mir, sie niemals wieder so wütend sehen zu müssen wie an diesem Tag. Ihre Augen funkelten böse, als sie mich anzischte: „Wer zum Teufel hat dir diesen Quatsch in den Kopf gesetzt? Excuse me, wir haben 2023 und noch immer glaubst du so einen Müll?“
„Wenn du keinen Bock hast, deinen Hintern für Mathe zu bewegen“, jetzt schrie Jenni fast, „dann steh dazu und zieh keine Pick-me-Fresse.
Wenn du aber besser werden möchtest, dann arbeite dran – und lass dir von nichts und niemandem erzählen, dass du das nicht kannst, weil du ein Mädchen bist. Männer haben Frauen jahrtausendelang klein und dumm gehalten, indem sie ihnen eingeredet haben, sie könnten viele Dinge schlechter.
Kein Mensch darf so etwas noch glauben. Wenn so eine vergiftete Idee einmal in dir drin ist, verunsichert sie dich und lässt dich Vieren schreiben. Wie kannst du nicht dagegen kämpfen?“

Zunächst habe ich nicht verstanden, warum Jenni so heftig reagiert hat, anstatt mich zu trösten. Ich habe versucht, mir von Oma erklären zu lassen, was sie gemeint haben könnte. Ich musste lange darüber nachdenken, bis ich kapiert habe: Die Idee, dass Mädchen manches schlechter können als Jungs – und andersherum – ist verdammt alt und kann einen wirklich beherrschen. Sie kann dich lähmen und dir sehr wehtun, im schlimmsten Fall ein ganzes Leben lang. Mädchen sollen das sein, was sie aus sich machen möchten, Jungs können auf Rosa stehen und auch mit den Eisbären ist das so eine Sache – aber da fragt besser Jenni.

Ich habe erneut geübt und wusste diesmal, dass ich es schaffen konnte. Ich habe mit Mama Aufgaben wiederholt und bin recht selbstbewusst zum nächsten Test marschiert. Ich habe eine Zwei geschrieben.
Jenni hat mir zugezwinkert, auf ihrem T-Shirt stand „Keine Macht für Niemand“.

Lizenz und Rechte

Text: Thomas J. Weiss, lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Die Geschichte darf vorgelesen, gekürzt, umgeschrieben und weitergegeben werden, auch kommerziell, solange der Autor genannt wird.

Bilder: eigene Zeichnungen von kirchenkiste.de, ebenfalls unter CC BY 4.0.