Neid
Zum Vorlesen · Fünf Monologe
Autor*innen: Isabel Watta, Daniel Saam und Thomas J. Weiss
- Länge
- 913 Wörter, vorgelesen ca. 8 Minuten
- Bilder
- 6
- Fassung
- 6. Oktober 2026
Worum es geht
Ein Junge, dessen Stammplatz plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist. Ein Kind, das jahrelang auf das Feuerwerk warten musste – und nun darf die kleine Schwester einfach so mit. Jemand, dessen neue Jacke die Kollegin auch trägt. Jemand, der nach vierzehn Jahren in der Firma zugleich mit der neuen Kollegin befördert wird. Und einer, der keinen Neid kennt. Fünf Menschen erzählen, wie Neid sich anfühlt – und wie er sich tarnt.
Zum Vorlesen: Die fünf Texte sind kurze Ich-Monologe und lassen sich einzeln oder nacheinander vorlesen. Der letzte Text ist bewusst als Monolog eines Sprechers mit Vorurteilen angelegt: Er zeigt, wie sich Neid hinter „Das wird man doch wohl noch fragen dürfen“ versteckt.
Der Neue
Ich liebe Fußball. In der Schule spielen wir in jeder großen Pause Fußball. Am Nachmittag geht es dann zu Hause oder auf dem Bolzplatz weiter. Und zweimal in der Woche trainieren wir im Verein. Da bin ich seit einem Jahr dabei. Und manchmal trainiere ich alleine.
Ich will, dass ich mit meinem linken Bein genauso stark schießen kann wie mit dem rechten. Und ich übe Tricks. Ausfallschritt, Übersteiger, Rainbow und so was.
Ich will der beste Spieler auf dem Platz sein und dafür trainiere ich. Im Verein habe ich mir dadurch einen Stammplatz erarbeitet. Das war nicht leicht, aber jetzt bin ich als Stürmer gesetzt und darauf bin ich mächtig stolz.
Vor ein paar Wochen ist ein Neuer in unsere Mannschaft gekommen. Die sind hergezogen. Keine Ahnung, von wo und warum. Jedenfalls ist der gut, der Neue. Der ist so gut, dass er jetzt auch schon einen Stammplatz hat. Das ist doch unfair, oder?!
Das Feuerwerk
Am Ende von unserem Stadtfest gibt es jedes Jahr ein großes Feuerwerk. Das findet spät abends statt, so dass ich es nie anschauen konnte, weil ich nicht so lange aufbleiben durfte. Erst letztes Jahr, als ich endlich 12 war, haben mir meine Eltern erlaubt, es anzusehen.
War das beeindruckend! Es hat so toll geleuchtet! Und die verschiedenen Muster, die am Himmel zu sehen waren. Und es war ein tolles Gefühl, mit so vielen Menschen dieses Schauspiel zu erleben. Immer wieder habe ich an diesen Abend zurückgedacht und mich auf dieses Jahr gefreut.
Aber dieses Jahr war meine kleine Schwester auch mit dabei – und die ist erst 10! Da habe ich jahrelang darauf gewartet, dass ich endlich mitdurfte, und sie kann einfach so jetzt schon mit dabei sein.
Diese Ungerechtigkeit hat mir meine Freude an dem Feuerwerk total zerstört. Ich hatte überhaupt keine Freude an den Farben. Und die Begeisterung von allen um mich herum hat mich völlig kaltgelassen. Ich bin völlig sauer, dass meiner Schwester in den Schoß fällt, worauf ich so lange gewartet habe.
Die Jacke
Neulich habe ich mir eine Jacke gekauft – wie für mich gemacht: Sie passt farblich wunderbar zu meinen Sachen, der Schnitt bringt meine Figur toll zur Geltung, die Qualität verspricht eine lange Lebensdauer und der Preis war im Ausverkauf auch unschlagbar. Ich habe mich in dem neuen Kleidungsstück gleich so wohl gefühlt und es tagelang voller Freude getragen.
Gestern kam nun meine Kollegin mit genau der gleichen Jacke durch die Tür spaziert. Im ersten Moment habe ich mich furchtbar geärgert, dass sie mir die Show stiehlt.
Jetzt bin ich ins Nachdenken gekommen: Steht mir die Jacke jetzt weniger gut als vorher? Stimmt das tolle Preis-Leistungs-Verhältnis, über das ich so froh war, nun nicht mehr? Hat die hervorragende Qualität der Jacke gelitten?
Berechtigte Fragen! Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Jacke für mich an Wert eingebüßt hat.
Die Beförderung
Die letzten zwei Nächte habe ich kaum geschlafen. Zwischen drei und sechs Uhr vielleicht – und selbst da habe ich von der Arbeit geträumt. Zuvor habe ich versucht zu lesen, zu meditieren, zu beten, ein Hörbuch gehört; es ist mir nicht gelungen, an etwas anderes zu denken. Wieder und wieder habe ich dieselben Gedanken gewälzt: Warum nur habe ich mich bei der Arbeit jahrelang derart ins Zeug gelegt? Was war ich nur für ein Esel.
Ich mag Eva durchaus. Die Kollegin ist freundlich und zuvorkommend, sie ist fleißig, sie legt sich ins Zeug, sogar mit zwei Kindern. Sie hat vor zwei Jahren bei uns angefangen. Ich bin schon vierzehn Jahre in der Firma.
Man könnte sagen: Eva hat sich hochgearbeitet, so wie ich auch. Sie war allerdings in Elternzeit, mehrere Monate lang. Ich hingegen habe vor vier Jahren das letzte Mal gefehlt. Corona halt.
Ich hätte mir nicht nur gewünscht, dass sie Eva und mich nicht gleichzeitig befördern, ich habe es erwartet. Als „Zeichen der Wertschätzung“, haben sie geschrieben. Ich habe fast so viele Jahre darauf gewartet – und die Kollegin befördern sie bereits nach zwei? Ich kann nicht ausdrücken, wie wütend ich bin. Ich fühle mich ausgenutzt. Die können sich ihre Wertschätzung sonst wohin schieben.
Ich kenne keinen Neid
Ich bin kein Rassist, im Gegenteil. Mein Auto bringe ich immer zum Türken in die Werkstatt. Und dem Flüchtling in der Ortsmannschaft, ich glaub’, er kommt aus Syrien, ich kann seinen Namen nicht aussprechen, dem Flüchtling mit den vielen Kindern jedenfalls hätte ich letzte Woche gerne ein Bier ausgegeben.
Der kickt noch aktiv, ich ja schon lange nicht mehr. Und rennen kann der, wie ein Windhund, der hätte die Halbe wirklich verdient gehabt. Aber er trinke nicht, meinte er. Alkohol, nehme ich an.
Jeder nach seiner Façon, sag’ ich ja immer. Wenn er sich gut integriert, dann soll er auch bei uns kicken! Es sind ja nicht alle Messerstecher – darf man sowas überhaupt noch sagen?
Bis sie Bier trinken, kann es halt mal zwei Generationen dauern, nehme ich an; bis dahin bin ich längst übern Jordan.
Am Geld liegt’s bei diesem da jedenfalls nicht, leisten könnt’ er es sich allemal. Ein Handy hat der, ein richtig schickes Teil. Drei Kameras! Was kostet denn sowas?
Ich kenn’ ja keinen Neid. Dafür habe ich zu gut verdient, ich leb’ auch ganz komfortabel. Über Geld redet man nicht, sagt man doch, Geld hat man. Aber mir ist niemals etwas zugefallen. Erst habe ich gespurt, dann hab’ ich geackert, dann hab’ ich gespart und dann erneut geackert.
Ich kenne keinen Neid. Ich frag mich nur, wie solch ein Kerl an so ein Handy kommt. Das wird man doch wohl noch fragen dürfen!