Lena packt’s an
Eine Bildergeschichte aus der Reihe „Lena“ · Teil 3 von 5 · Sonntagsevangelium Lk 9,62
Autor: Thomas J. Weiss
- Jahr
- 2022
- Länge
- 1207 Wörter, vorgelesen ca. 10 Minuten
- Bilder
- 10
- Fassung
- 6. Oktober 2026
Worum es geht
Zwei Geburtstage am selben Tag, ein Junge, der sie an der Bushaltestelle schubst, und ein Flötenkonzert, für das sie nicht übt: Lena steckt im Stress. Beim Ministrieren hört sie vom Pflug, an den man die Hand legt, ohne zurückzublicken – und packt an.
Zum Vorlesen: Die Geschichte wurde im Gottesdienst vorgelesen, während die Bilder an die Wand projiziert wurden. Die Bilder dürfen dafür in Gemeinden gezeigt werden.
Die Geschichte
Stress hatte Lena bislang vor allem bei ihren Eltern beobachtet: Wenn sie zu viele Dinge auf einmal zu tun hatten oder tun wollten, wurden sie mürrisch und ziemlich empfindlich. Dann suchten sie auch bei Lena nach Dingen, die ihnen nicht passten, schimpften viel und es war am besten, ihnen für eine Weile aus dem Weg zu gehen. Zum Glück kam das bei Lenas Eltern nicht allzu oft vor.
Doch nun hatte es Lena offensichtlich selbst erwischt: Sie fühlte sich zugleich verzweifelt und verärgert. Ein Problem jagte das nächste und in ihrem Kopf herrschte ein ziemliches Chaos.
Anstatt endlich anzupacken, was sie zu tun hatte, schrie Lena ihre Schwester an.
Leider fühlte sie sich danach nicht besser.
Zum einen war da der Streit mit ihren Freundinnen Isra und Stella: Beide würden in zwei Wochen am selben Tag Geburtstag feiern und beide hatten sie eingeladen. Lena wollte keine enttäuschen. „Ich weiß wirklich nicht, zu welcher Feier ich gehen soll“, hatte sie sowohl zu Isra als auch zu Stella gesagt. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich nicht komme?“
„Dann bist du nicht mehr meine Freundin“, hatte die eine geantwortet, „dann lade ich dich nie wieder ein“, die andere.
Zum anderen machte Lars, ein Junge aus der vierten Klasse, ihr seit ein paar Wochen jeden Morgen beim Warten auf den Schulbus das Leben schwer. Er nannte sie „Loser-Lene“, schubste sie und lachte sie aus, wenn sie sich ärgerte.
„Wenn du ihm freundlich sagst, dass du das nicht möchtest, wird er aufhören“, hatte Mama gemeint.
Doch das hatte nicht funktioniert. Dass sie beim nächsten Rempler weinen musste, hatte Lars nur noch mehr angespornt.
Und dann war da noch das Flötenkonzert, bei dem Lena in zwei Wochen auftreten würde. Sie war leider noch weit davon entfernt, ihr Stück fehlerfrei vom Blatt zu spielen, und auswendig konnte sie gerade einmal ein paar Noten.
Doch immer, wenn sie üben wollte, dachte sie an Isra und Stella und Lars. Sie konnte sich nicht konzentrieren, die Noten verschwammen vor ihren Augen und es klappte gar nichts.
Am Sonntag war Lena in der Kirche zum Ministrieren eingeteilt. Normalerweise half sie dem Pfarrer gerne. Doch heute war sie in Gedanken bei all ihren Problemen und es fiel ihr schwer, bei der Sache zu sein.
Erst als im Evangelium aus Jesus’ Leben erzählt wurde, gelang es Lena, kurz zuzuhören. Jesus schien es in dieser Geschichte nicht viel besser zu gehen als ihr selbst: Den Menschen, die ihm folgen wollten, antwortete er, so kam es Lena vor, kurz angebunden und nicht sehr freundlich.
Vielleicht war ja auch er im Stress gewesen.
Jesus’ letzter Satz lautete: „Wer die Hand an den Pflug legt und nach hinten blickt, ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“
Wenn das „Reich Gottes“ meinte, dass alles gut war, dann fühlte sich Lena gerade ziemlich weit davon entfernt. Pflügen, dachte sie, wäre aber kaum die geeignete Lösung, um ihm wieder näherzukommen.
Nach dem Evangelium schweiften Lenas Gedanken vollends ab. Zumindest musste sie nicht an ihre Schwierigkeiten denken; es gelang ihr, sich weit weg zu träumen.
Sie stellte sich vor, sie stehe am Rande eines Feldes.
Rechts wächst ein Olivenhain, links versteckt sich hinter einer hohen Schilfhecke ein kleines, hübsches Lehmhäuschen. Das Feld vor ihr ist in der langen Trockenzeit völlig ausgetrocknet und die Erde noch hart. Doch die Vögel zwitschern und erste Schmetterlinge fliegen; es ist Zeit, den Weizen auszusäen, aus dem sie ihr Brot backen wird. Zuvor jedoch muss sie die Erde lockern, sonst wird hier nichts wachsen.
Die schwere Arbeit, die noch vor ihr liegt, stresst sie. Wie soll das alles zu schaffen sein? Dann blickt sie nach vorn, ans andere Ende des Feldes. Sie treibt ihre Rinder an, die den Pflug ziehen, und versucht, ihn so gerade wie möglich übers Feld zu führen, den Blick immer nach vorne auf ihr Ziel gerichtet. Dort erst dreht sie sich um und beginnt erneut. Eine Furche, eine mit dem Pflug gezogene Linie, nach der anderen.
Als zu den Fürbitten alle aufstanden und auch Lena sich erheben musste, endete ihr Tagtraum abrupt. Zurück aber blieb ein Gefühl. Im Evangelium hatte Jesus ihr eine Lösung vorgeschlagen: die Hand an den Pflug und los, immer nur das Ende der Furche im Blick.
Ein Problem nach dem anderen.
Am Montag redete Lena im Schulbus zunächst mit Isra: „Ich möchte sehr gerne zu deiner Geburtstagsfeier gehen!“ „Schön, dass du dich endlich entschieden hast“, freute sich Isra. „Aber was ist mit Stellas Feier?“
Gleich in der Großen Pause wandte sich Lena auch an sie: „Es tut mir leid, aber ich kann leider nicht zu deinem Geburtstag kommen. Isra feiert am selben Tag und ich werde zu ihr gehen.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, meinte Stella und schmollte.
Doch Lena schlug vor: „Aber ich würde mich gerne die Woche drauf mit dir treffen. Ich backe dir einen Kuchen und wir holen dein Fest zusammen nach.“
Zu Lenas Überraschung fand Stella diesen Vorschlag gut und war einverstanden. Sie lächelte sogar. Offensichtlich hatte sowohl Isra als auch Stella am meisten geärgert, im Ungewissen zu bleiben.
Am Dienstag schmiedete Lena mit ihren besten Freundinnen einen Plan: Beim nächsten Mal, wenn Lars sie angriff, würden sie sich zu dritt wehren. Gemeinsam waren sie stärker als er und sie würden ihm ein für alle Mal klarmachen, dass sich Lena nichts mehr von ihm gefallen lassen würde.
Bereits am Mittwochmorgen setzten sie ihren Plan in die Tat um: Als Lars Lena an der Bushaltestelle vom Bordstein schubste, standen Amelie und Isra schon bereit. Gemeinsam hielten sie ihn fest; eine hielt ihn am linken Arm, eine am rechten. Lena packte Lars am T-Shirt und schaute ihm fest in die Augen: „Das war das letzte Mal, Lars. Von nun an wirst du es immer mit uns dreien zu tun kriegen, wenn du eine von uns anfasst. Wenn wir auf der einen Seite der Bushaltestelle stehen, dann stellst du dich ab sofort auf die andere.“
Lars sagte nichts. Aber er sah aus, als ob er die Hosen voll habe, und als sie ihn losließen, verzog er sich.
Am Donnerstag ließ Lars sie in Ruhe und so blieb es.
Beim Mittagessen erzählte Lena ihrer Mutter von den Problemen an der Bushaltestelle. Sie erwartete eine Standpauke, weil sie zur Lösung mehr benötigt hatte als nur freundliche Worte.
Doch Mama lobte: „Gut gemacht, Mädchen-Gang! Ich bin stolz auf euch. Irgendwann ist genug auch genug und es kommt die Zeit, sich zu wehren. Ein friedliches Miteinander gelingt nur, wenn sich alle an Regeln halten. Manchmal muss der eine oder die andere daran erinnert werden.“
Am Nachmittag übte Lena zwei Stunden lang Flöte.
Am Freitag gelang es Lena zum ersten Mal, ihr Stück fehlerfrei zu spielen. Langsam noch, aber bald würde es schneller gehen. Von nun an würden 20 Minuten Üben am Tag reichen und bis zum Konzert waren es noch zehn Tage.
Lena hatte wieder Zeit.
Am Samstag war Lenas Vater gestresst. Er müsse den Rasen mähen, einkaufen gehen, Rechnungen bezahlen und die Steuererklärung fertig machen. Wie solle das alles denn gehen, meinte er.
Doch Lena ergriff seine Hand und sagte: „Leg einfach die Hand an den Pflug und blicke nicht zurück.“
Und sie erzählte ihm, was in dieser Woche alles geschehen war.
Papa schaute ziemlich beeindruckt.
Er gab Lena einen Kuss und legte bald los.